Der Wasserstand in den Graften zu wehrhaften Zeiten

Ein Bestimmungsversuch

Grundriss der Vestung und der Stadt Jever (1768).
Nachgezeichneter Plan. Koloriert durch den Verfasser

Der Blick auf den "Grundriss der Vestung und der Stadt Jever" von 1768 zeigt einen vollständigen Wasserring sowohl um die Stadt wie auch damit verbunden um das Schloss. Es ist davon auszugehen, dass dieser Plan idealisiert ist und für die zweite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts noch einige Verstärkungen des Festungscharakters durch den Zubau von Bastionen, Ravelins und Brustwehren vorsah. Aber schon drei Jahrzehnte später begann der Abbau der Wehranlage (Braunsdorf S. 29 ff, siehe unter Quellen). Aber unbestritten wird sein, dass die Graften seinerzeit vollständig mit einander verbunden waren und somit auch einen dadurch ausgeglichen Wasserstand gehabt haben.

Wenn wir von der Schlossstraße auf die anliegende Graft hinuntergucken liegt die Vermutung nahe, dass der Wasserstand zu der damaligen Zeit - solange Stadt und Schloss als Festung betrachtet wurden - offensichtlich höher war. Und dazu gibt es im Schlosspark selbst auch einen gewichtigen Hinweis. Der Gang, der traditionell als "Fräulein Maria-Gang" bezeichtet wird und vor einigen Jahren saniert, mit Eisentor und Einblick versehen und für die Winterzeit den Fledermäusen vorbehalten ist, wurde zu früherer Zeit gebaut, um die Schlossgraft mit einem weiteren Wassergraben direkt an dem Schlossgebäude zu verbinden. Denn das Schloss war seinerzeit ein Wasserschloss.

Vergrößerter Ausschnitt mit der Angabe des Verbindungstunnels zwischen der Schlossgraft und dem innerer Wasserschlossgraben.
Braunsdorf S. 35: Die Oberburg " ..ist ganz mit einem Graben umgeben, welcher die Töverske Grafft (Zaubergrafft) genannt wird, weil ehedessen hier die Wasserprobe mit den vermeinten Hexen vorgenommen wurde. Sie ist im Monat Aug. u. Sept. 1794 mit der Erde von der Brustwehr des Schlosswalls zugefüllt worden."

Anschauung dieser inneren Graft gibt heute noch der tiefe Einschnitt der Gebäudemauer in Höhe des Eulenturmes (Die tiefe Lage der Schießscharten aus dem dortigen Keller müssten zu weiteren Überlegungen zu der damaligen Verteidigungstaktik führen...).

Der vergrößerte Ausschnitt aus dem südöstlichen Burgbereich der vorgestellten Karte zeigt ganz deutlich mit den gestrichelten Linien die Verbindung zwischen den beiden Graften an. Die angegebene Nr. verweist auf die Legende, in der hierzu die "Wasserleitung aus der inneren in den äußeren Schloss Graben" beschrieben wird. Ob mit dieser Erläuterung eine Fließrichtung angegeben wird, ist zu bezweifeln. Denn die Dacheinleitungen des Schlosses werden den Wasserstand in der inneren Graft kaum gehalten haben. Von einer dortigen Quelle ist auch nichts bekannt. Der Gang muss seinerzeit dafür gesorgt haben, dass es in beiden Graften einen gleich hohen Wasserstand gegeben hat.

Heute befindet sich der sichtbare Teil des Ganges entfernt und unerreichbar vom Wasser der Schlossgraft. Ein Nivellement ergibt, dass der Boden des Ganges 1,40 m höher ist als der (vorgesehene) Wasserspiegel der Schlossgraft. Sofern der Gang in früheren Tagen nicht einen tieferen Boden gehabt hat, ist also davon auszugehen, dass der Wasserstand seinerzeit um mindestens 1,40 m höher gewesen sein muss. Eher vielleicht 1,50 m oder sogar noch mehr. Denn die hohe Außenböschung der heutigen Schlossgraft zur Terrasse verträgt eine solche Erhöhung. Den inneren Graftensaum mit seiner flachen Böschung gibt ja erst seit der vollständigen Beseitigung aller Wehranlagen, dem Abriss aller Gebäude der Unterburg und der Gestaltung des Landschaftsparks.

Die Erhöhung des Wasserstandes um mindestens 1,40 m muss aber auf Grund der Verbindung aller Graften untereinander seinerzeit auch dort zu einer gleichen Erhöhung geführt haben.

Wer die Lage der Stadtgraften heute aufmerksam beobachtet, stellt fest, dass es bei den einzelnen Graften sehr unterschiedliche Böschungshöhen gibt: stadtseitig ausgeprägt hohe und steile Ufer, nach außen hin dagegen oft flache und zugängliche Seiten. Die Stadtgraften haben heute keine gemeinsame Verbindung für einen Wasserausgleich. Die Wasserstände sind verschieden hoch - gemessen an der absoluten Höhe über NN (Normal Null). Bei den Sanierungen der Blank-, Pferde und Duhmsgraft zwischen 1996 und 1998 wurden die Gewässer vermessen und die einzelnen Abflusshöhen fest eingestellt. Auch bei der früheren Planung zur Teilsanierung der Prinzengraft um 1990 gibt es entsprechende Höhenangaben für den Abfluss - seit Jahren allerdings ist hier der Sollwert selten erreicht worden. Die Trockenheit der letzten Jahren hat bei fast allen Graften zu erheblichen Wassermangel geführt - ein geordneter Wasserzufluss z.B. von den Hausdächern, vom Dach des Kreisamtes o.a. ist damals nicht eingeplant gewesen. So speisen sich alle Graften aus dem Grundwasser, nur wenige Einläufe der anliegende Wege - sofern sie nicht verstopft sind - bringen wenig Oberflächenwasser dazu. Das Oberflächenwasser von den Straßen Elisabetufer und von-Thünenufer wurden bei der Sanierung bewusst wegen möglicher Schadstoffbelastung nicht mehr in die anliegenden Graften sondern direkt in die städtische Kanalisation geleitet.

Die Duhmsgraft mit ihrem höher eingestellten Ablauf fließt längst des Elisabethufers über ein Rohr in die Pferdegraft. Der Ablauf der Pferdegraft befindet sich in Höhe des dortigen Spielplatzes. Die Prinzengraft fließt an der Lindenallee neben dem Kreishaus in den städtischen Regenwasserkanal. Die Schlossgraft ist über einen weitgehend begehbaren Tunnel mit der Blankgraft neben dem Graftenhaus verbunden und hat damit gleichen Wasserstand. Ein gemeinsamer Ablauf befindet sich unterirdisch wenige Meter neben dem Denkmal von Fräulein Maria (siehe dazu Letzte Zeugnisse der Wehranlagen).

Um die Gesamtlage zu beurteilen habe ich die in den genannten Unterlagen angegebenen Höhenangaben (Soll-Wasserspiegel, teils Uferböschungen) und aus den Höhenangaben des NIBIS-Servers ein Profil erstellt. Die Angaben beziehen sich auf Normal Null - also auf Höhe über dem "Meerespiegel" und auf die maximal gefüllten Graften.

Diese Profilskizze zeigt mit den blauen Bereichen und Zahlen die jeweiligen heute eingestellten Wasserstände. Deutlich erkennbar ist, dass die Pferdegraft mit einer Wasseroberfläche bei 6,05 m die tiefste Lage hat. Erkennbar ist die Trennung der beiden Blankgraften mit einem Höhenunterschied von 25 cm, der durch die kleine Barriere neben der Brücke verursacht wird.

Schlossgraft und die Teil-Blankgraft neben dem Graftenhaus haben durch die bereits erwähnte Verbindung einen gleichen Wasserstand.

Die braunen Flächen und Zahlen zeigen die Böschungshöhen der angrenzenden Ufer mit einigen Ortslagen in der obersten Zeile.

Das Ziel dieser Skizze aber soll den Abgleich mit der oben angesprochenen Erhöhung des Wasserstandes von historisch mindestens 1,40 m verdeutlichen. Hierzu ist die Höhe des heutigen Gangbodens auf 8,05 m ermittelt. Nur so könnte die "Töverske Grafft" (rotes Fragezeichen) mit Wasser aufgefüllt werden. Die rote Linie wäre demnach der mindeste Füllstand aller Stadtgraften zu damaligen Zeiten.

Es zeigt sich, dass an verschiedenen Stellen die Stadtgraften überlaufen müssten: Beim Mettckerschen ehemaligen Druckhaus wird das sogar vor Ort offensichtlich, bei der Bushaltestelle gegenüber der Brauerei würde kein Wasserstand über 6,80 m bleiben können. Zwischen diesen beiden Örtlichkeiten befand sich seinerzeit das Wanger-Stadttor. Eine starkes Geländegefälle kennzeichnet die Wanger- und Schlachtstraße (Höhe der heutigen Straßenmitte vor dem Kiebitzplatz: 6,7 m NN).

Der Wangertor-Ravelin zwischen 1768 und 1795

Braunsdorf schreibt (S. 30), dass beim Wangertor 1768 "nach der Vorstadt zu noch zwei Zugbrücken davor angelegt, die aber am 5. August 1795 wieder weggenommen und alles in den vorigen Zustand gesetzt worden ist."

Wie das in dem abschüssigen Gelände verwirklicht wurde, ist aus dem o.a. Plan nicht erkennbar - wo doch an Einzelheiten sogar die Treppen zu den Feuerlöscheimern am Graftenrand (Nr. 57) eingetragen sind. Auf dem Plan sind wenige Häuser der Vorstadt erkennbar. Vielleicht ist das in dem Kartenausschnitt Wangertor mit dem X gekennzeichnete Gebäude das heutige "Haus der Getreuen." Es wurde dort durch Johann Friedrich Trendtel sen. errichtet, der als Buchhändler, Buchbindemeister und Kaufmann1760 das Bürgerrecht erlangte. Dieses Haus diente bis 1849 als Geschäftshaus der Nachkommen.

Überprüft man vor Ort die o.a. angegebene Wasserstandserhöhung um 1,40 m, so erscheint einem dieses hier unmöglich. Welche Ausgangsdaten sind fragwürdig?

Zuerst wäre die Annahme zu prüfen, ob der Boden des Maria-Ganges in früheren Zeiten nicht erheblich tiefer gelegen hat. Ob das bereits erkundet wurde, entzieht sich meiner Kenntnis und könnte in den Schlossakten vielleicht gefunden werden. Mit jedem Dezimeter einer Vertiefung dieses "Ausgleichsganges" würde sich die Problematik entschärfen.
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, für die beiden Graftenringe unabhängig von dem Verbindungsgang einen Wasserstand bei etwa 6,50 m anzunehmen. Das wäre dann für einige heutige Graften sogar eine Absenkung. Die Wasserschlossgraft müsste mit Pumpen gefüllt werden und der Gang diente dann tatsächlich als "Wasserleitung aus der inneren in den äußeren Schloss Graben". Ob es solche Pumpen oder ähnliche Vorrichtungen gab?

Es bleibt noch erheblicher Klärungsbedarf.

Quellen:

Martin Bernhard Martens und Magister Braunsdorf, Predigers zu Waddewarden, (1797 bis 1802) Gesammelte Nachrichten zur geographischen Beschreibung der Herrschaft Jever. Nach der Fassung von F.W. Riemann von 1896 mit den Ergänzungen von Georg Janßen-Sillenstede 1926.
Die angegebenen Seitenangaben beziehen sich auf den Neudruck hier unter Schripnest.

Unterlagen der Stadtverwaltung zur Sanierung der Graften in der Zeit zwischen 1996 und 1998, für die Prinzengraft mit Daten von 1990. Rathaus Stadt Jever.

V. Bleck, Mai 2019