Tiefbau trifft Friedhof

Ingenieurstätigkeit vs. Pietät und Archäologie

Der Kirchplatz in Jever ist die städtebauliche Mitte der Altstadt. Eine baumbestandene Grünfläche um Kirche und Glockenturm. Er ist der höchste geographische Teil eines sandigen Hügels. Zwischen diesem und der Nordsee gibt es nur Marschenland  und er ist wahrscheinlich ein bereits sehr alter Siedlungsplatz. Der Kirchplatz war in verschiedener Hinsicht ein 'sicherer' Platz. Das wussten die frühen Siedler, die hier wohl ihre erste befestigte Burg bauten - siehe „Große Burgstraße", dann aber wenigstens seit dreizehn Jahrhunderten unerreichbar für die Meeresfluten ihren Toten begruben. Die erste Kirche wurde errichtet, wahrscheinlich aus Holz. Eine erste Steinkirche folgte wohl im zehnten oder elften Jahrhundert. Sie war aus Findlingen gebaut, der obere Teil mit großer Wahrscheinlichkeit aus Tuffsteinen, die in der Eifel gewonnen und über die Niederlande längs der Nordseeküste verschifft wurden. Kriegerische Verwüstungen, Stadt- und Kirchenbrände legten den Bereich öfters in Schutt und Asche. Mehrfach wurde der Hügel mit Sand und Klei aufgehöht, darauf wieder gebaut und darin bestattet. So erreicht heute die Bodenoberfläche dieser Stadtmitte eine Höhe von über zwölf Metern über dem Meeresspiegel - gegenüber einer damaligen natürlichen Höhe von etwa 7 Metern über NN.

Der Friedhof in der Stadtmitte wurde 1803 geschlossen. Die Kirche brannte 1959 ab und heute besteht daher diese Stadtmitte aus einem modernen Kirchenbau mit der erwähnten Rasenfläche 'drum herum. Der Platz wird umsäumt von einer Straße und von einigen architektonisch interessanten Häusern der jüngeren und älteren Neuzeit. Der Platz mit den umgebenden Häuser steht als Ensemble unter Baudenkmalschutz. Gleichzeitig ist die gesamte Bodenaufschüttung Bodendenkmal. 

Die Stadtmitte hat wegen der räumlichen Enge der Straßen der umgebenden „Altstadt" Tribut zahlen müssen an die Erfordernisse des modernen Autoverkehrs: Schon vor Jahrzehnten wurden Teile der Grünfläche als Parkflächen für die Kraftfahrzeuge umgewandelt. Es wurde versucht, die niedergehende wirtschaftliche Attraktivität der Altstadt mit dem vermehrten Angebot von Parkplätzen gegenüber den neuen Konsummärkten an verkehrsgünstigeren Standorten auszugleichen. Dazu die Hoffnung, dass im Tourismus per Auto noch Steigerungsraten möglich sind und dass die Freizeitgesellschaft nur die richtigen Eventplätze benötigt. All das führte dazu, dass um 2003 oder 2004 der Plan reifte, den großen Wurf in der Sanierung der Altstadtmitte zu machen.

Nun ist Jever nicht nur im Bewusstsein der meisten Einwohner und Handlungsführer ausdrücklich eine historische Stadt, die Stadt der "Kultur, Sagen und Geschichte", sondern sie wirbt auch um die Gunst der Urlauber und Zuzügler ausdrücklich mit ihrer „historischen Altstadt". Jever soll mit den „zahlreichen wertvollen Baudenkmälern, Kunstwerken und Sehenswürdigkeiten" bewahrt werden (vergleiche die aktuelle Bürgerinformation 2006).

Wie dieser immer wieder selbst hochgehaltene eigene Anspruch bei der proklamierten „kontinuierlichen Entwicklung der Stadt zu einer zukunftsorientierten Kommune" allerdings unter die Räder kommt und letztlich schnell wie unnötiger Ballast über Bord geworfen wird, davon handelt unter anderem diese Darstellung. Anlass dieser Beschreibung aber ist, Nachricht über das zu geben, was trotz der Grobheit der Planung und der Baggerschaufel und mangelnder Flexibilität bei dieser Sanierung dennoch zu Tage getreten ist: Zeugnisse der Stadtgeschichte der frühen Neuzeit, auch zurück bis ins ausgehende Mittelalter mit Bausteinen zu einem erweiterten Verständnis der Stadtgeschichte (Archäologie) und der Ausblick darauf, dass eine angemessene Herangehensweise mehr Erkenntnisse und weniger „ethischen" Schaden angerichtet hätte. Auch lassen sich Erkenntnisse gewinnen zum Handeln in einer Zeit, in der mehr über Ökologie und Bewahrung (von Bodenschutz bis Totenruhe) geredet als gehandelt wird.

Die bei dieser „Sanierung" beobachtete Vorgehensweise betreffen daher wenigstens die drei Aspekte :

1. Der Umgang mit den Überresten der Begrabenen, das Verhältnis zu den lebenden Nachkommen, zu ethisch empfindsameren Mitbürgern etc. (Pietät, „Wahrung der Totenruhe"...).

2. Das Verhältnis zur Archäologie als gesetzliche Vorgabe und das Anerkennen des in dieser Wissenschaft erreichten Erkenntnisstandes ... (wo bleibt der eigene Anspruch?)

3. Das Bewusstsein und das Handeln hinsichtlich der durch die Baumaßnahmen erfolgten (Umwelt-)Beeinträchtigungen. Dieses betrifft nicht nur das Akzeptieren und Befolgen von (allen) Gesetzen und anderen Vorschriften (z.B. zu Abfall, Baumschutz, Bodenverklappung etc.), sondern es geht auch um Umsicht und „planerische Flexibilität" (Fantasie?) anstelle von „Betonmentalität".

Mit der Widmung als öffentliche Grünfläche geriet um 2004 die der Kirche gehörende Grünfläche um die Stadtkirche in die Verfügungsgewalt der Stadt. Als „öffentlicher Raum" könnte sie jetzt den modernen Anforderungen mit Hilfe von Staatsmitteln bzw. Städtebaufördermitteln („Altstadtsanierung") angepasst werden. Für die gesamte Abwicklung wurde mit dem bei anderen Stadtsanierungsprojekten bereits beauftragten Planungsbüro aus Varel zusammengearbeitet. Planungsvorschläge im Vorfeld der Baumaßnahmen reichten von Installation einer Orchestermuschel für einen zünftigen Event- bzw. Festplatz, von einem künstlicher Bach, der vom Rathaus bis zum ehemaligen Standort der Fleischhalle auf der Straße plätschern sollte, bis hin zur Verlegung und Anpassung der Wege an die vermeintlichen Gehgewohnheiten der Fußgänger, Shopping-Touristen etc.

Die Diskussionen zwischen Planer, Stadt und der Kirche als nach-wie-vor Eigentümer führten dazu, dass letztlich „nur" die Wegeverlegung sowie der Straßenneubau verwirklicht werden sollte. Bei alledem aber sollte die Gelegenheit genutzt werden, die Straßen- und Wegebereiche mit aktuell angemessener Kanalisation und sonstiger Versorgung (Strom, Gas, Kommunikation) und einer für zukünftige Verkehre erforderlich tiefgreifenden „Auskofferung" auszustatten.

Zumindest öffentlich wurde bei diesen Gesprächen nicht über mögliche „Komplikationen" mit den Überresten der ehemaligen Nutzung dieser Fläche als Friedhof gesprochen. Die Planer erkundeten - soweit bei betreffenden Stellen nachgefragt - zu aktuellen Erkenntnissen über Lage von Bestattungsgrenzen, Tiefen etc. nichts; die Tatsache, dass es sich um einem Friedhof handelte wurde offensichtlich völlig ausgeblendet. Auch über Sondierungsgrabungen oder -bohrungen von seiten der Planer ist nichts bekannt. Dabei gäbe es in der Stadt soviel Wissen über diesen Platz...

Das Projekt der Kirchplatzsanierung wurde in mehrere Bauabschnitte aufgeteilt:

1. BA : Nordseite Anschluss St.-Annen-Straße bis Wangerstraße, Ostseite bis Einmündung Kleine Rosmarinstraße.

2. BA: Ostseite von Kleine Rosmarinstraße bis Platz vor dem Rathaus einschließlich Flamenstraat.

3. BA: Westseite von St.-Annenstraße über Einmündung Superintendentenstraße und an der Südseite bis Rathaus/Weinhausgang.

4. BA: Mittlere Fußwege

Grundsätzlich wird für die neue Straße eine Tragschicht von ca. 80 cm Stärke durch Bodenaustausch erstellt. Jedoch werden auch Abwasserkanäle sowie andere Leitungen (Gas, Leerrohre und Leitungen für Telefon etc.) eingebracht, so dass mehrere Trassen von Tiefen zwischen 100 und bis 200 cm im Straßenbereich entstehen.

Für jeden Bauabschnitt erfolgte zeitnah eine Ausschreibung gemäß den Vorschriften bei öffentlicher Vergabe. Erwähnenswert zu diesen Ausschreibungen sind zwei Einzelheiten: Stereotyp steht in solch einer Ausschreibung der Hinweis auf mögliche archäolgische Funde, dass bei solchen Funden etc. eine Arbeitsunterberechung durch die Denkmalbehörde angeordnet werden könne. Die zweite Einzelheit betrifft das Verfahren mit dem Bodenaushub. Danach geht jeglicher Aushub, der bei der Verlegung der Kanalisation und der Straßenauskofferung anfällt, in das Eigentum des Auftragnehmers über. Eine weitere Vorgabe dazu wie umweltgerechte Entsorgung von Abfallanteilen etc. findet sich nicht im Leistungsverzeichnis. Letztlich suchen sich diese beauftragten Firmen dann Landwirte in der näheren Umgebung, die bereit sind, den Aushub für Grabenverschüttungen, Dammstellen etc. zu übernehmen.

Dann ging das Buddeln los.

Bei dem 1. BA ab dem zweiten Halbjahr 2005 wurden Teile der älteren Kirchenfundamente freigelegt. Dieses wurde durch eine Tagesvisite des Bezirksarchäologen begleitet. Sich daraus ergebende archäologische Erkenntnisse oder Materialien sind zumindest den interessierten Mitgliedern des Jeverländischen Altertums- und Heimatvereins nicht bekannt geworden. Registriert wurde, dass mehrere Findlinge (größer als 40-50 cm Durchmesser) am Rande der Grünfläche ausgegraben wurden. Wohin der Aushub dieses Bereiches gekommen ist, ist nicht bekannt. Für den Verfasser dieses Textes war bereits damals unverständlich, wie bei den Tiefbaumaßnahmen mit den beiden Eichen umgegangen wurde: seitlich tief abgegraben und für das zukünftige Leben eng eingemauert ohne Zuflussmöglichkeit von Regenwasser...

Aus den Erkenntnissen der Kirchmauerreste erfolgte eine (spontane?) Planvariante in der Pflasterung: Lage und Verlauf der Fundamente der ehemaligen Kreuzkirche sind anhand der kennzeichnenden Streifenpflasterung im Bereich des Behindertenparkplatzes nachvollziehbar.

Der 2. BA begann im Herbst 2006.

Schon mit den ersten Bodenbewegungen wurde ersichtlich, dass in diesem Bereich auch unter der Straße sehr große Mengen an Knochen sowie Häufungen von älteren Bauwerken aus Backsteinen auftraten. Die durch interessierte Mitglieder des Altertums- und Heimatvereins alarmierte Bezirksärchäologie in Oldenburg konnte jedoch aufgrund des absehbaren Dienstendes des bisherigen Bezirksarchäologen Dr. Eckert nicht reagieren. So wurde von der Denkmalbehörde bei Landkreis Friesland nach einer örtlichen archäologischen Betreuung gesucht. Letztlich erfolgte aber weder durch das Schlossmuseum noch durch einen von dort aus empfohlenen/beauftragten Archäologen vom Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung in Wilhelmshaven eine fachliche Betreuung. Der archäologisch interessierte und seit Jahren mit Dr. Eckert zusammen arbeitende H. Albers aus Schortens sowie Verfasser versuchten dann nach Absprache zwischen Bauamt der Stadt und Landkreis Friesland als untere Denkmalbehörde eine begleitende Dokumentation. Es wurden Funde gesichert (Scherben, Knochen) sowie die Lage von auffälligen Backsteinhäufungen und Findlingen kartiert. Allerdings war eine permanente Begleitung der Tiefauarbeiten nicht möglich; Funde und deren Kartierungen waren weitgehend zufällig. Vereinbarungsgemäß wurde nur oberflächlich gesichtet und gesammelt. Herr Albers brachte die „Verklappungsorte" des abgefahrenen Bodens in Erfahrung und suchte dort die durch Regen freigespülten Knochen, Scherben usw. 

Auffällig im insgesamt ausgehobenen Bereich mit durchmischtem Bauschutt, Knochenresten etc. war eine etwa 1 Meter breite schwarze Schicht ab ca. 60 cm Tiefe, die ihrerseits eine Tiefe von ca. 100 cm hatte. Hier konzentrierten sich viele Tierknochen - auffällig, dass diese fast ausschließlich zerschlagen waren, nicht gesägt oder geschnitten. Die schwarze teigige Masse hatte einen hohen organischen Anteil, Steine und Knochen waren vielfach blau angelaufen (Vivianit?). Auch einzelne menschliche Gebeine befanden sich hierunter. Diese wurden in Seitenbereichen wieder begraben.

Besondere Funde am Kirchplatz waren ein Langzinken-Knochenkamm und ein Fragment eines doppelseitiger Knochenkammes sowie viele Scherben aus dem Hochmittelalter.

Ein Schatzsucher mit Detektor aus Jever hat in dem Aushub, der bei Nadorst zur Grabenverschüttung verbracht wurde, eine Brosche, einen Fingerhut und eine Bleikugel gefunden.

Auffallend - grundsätzlich aber bekannt und bereits früher schon mehrfach ausgegraben - waren große Findlinge in einer Reihe als offensichtlich ehemalige Begrenzung des Kirchhofes ab einer Tiefe von ca. 50 cm wie schon im 1. BA. Gegenüber von Hausnummer 7 und 8 konzentrierten sich fünf Findlinge. Diese Findlinge lagen mehrheitlich in Höhe des Bordsteines zwischen Straße und Grünfläche.

Innerhalb des schwarzen Streifens in Höhe Hausnummer 7 wurde ein Holzbrunnen freigelegt (offensichtlich nur ca. 200 cm tief). Die Bohlen wurden gesichert -  für eine dendrochronologische Untersuchung waren die Fundstücke jedoch nicht ausreichend.

Zu einem (politischen) Spektakel geriet der Fund des gemauerten Brunnenschachtes der Rathauspütt vor dem Rathaus am 05. Januar 2007. Zumindest historisch interessierte Bürger wissen, dass sich neben der Attrappe der Rathauspütt auch ein wirklicher Brunnen im Straßenbereich vor dem Rathaus befindet bzw. befand. In der Sanierungsplanung wurde hierzu jedoch keine Bestandsaufnahme gemacht. Nachdem die informierte Baufirma (im vermuteten Bereich wurde besonders vorsichtig gebaggert) den Mauerring des Brunnens freigelegt hatte und dieser für die Öffentlichkeit (es war gerade Freitag-Markttag) sichtbar war, wurden gleich Pläne zu einer touristischen Verwertung gemacht (u.a. beleuchteter Brunnenschacht mit Glasdeckel, einer Puppe am Grunde = Fräulein Maria...). "Das Rathaus" war jedoch irritiert von dem Fund und ließ bereits am Montagmorgen eine Betonplatte über den Brunnen legen und diesen damit überbauen (bisherige Praxis bei allen historischen Brunnen, soweit Reste von diesen angegraben wurden).

Spätestens hier wurde die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit offenbar. Es wurde schnell der Aussage eines lokalen Geschichtspapstes gefolgt, der Brunnen sei bereits erforscht. Teile der Politik waren jedoch unzufrieden. Wieder ergab sich die Frage nach der archäologischen Begleitung der Baumaßnahmen und erstmals wurde auch der Politik bekannt, dass es hier klemmte. Letztlich war die Entrüstung aber ein Strohfeuer, denn man fügte sich gern den Warnungen und Beschwerden der anliegenden Kaufmannschaft, „bloß nichts zu finden, damit die Buddelei nicht noch länger dauert".

Im April 2007 wurde die Anwesenheit von Dr. Eckert bei einem Vortrag am Kirchplatz genutzt, zusammen mit dem Bauamtsleiter und den aktiven Heimatvereinsmitgliedern die Lage vor Ort zu besprechen. Credo: eine fachlich angemessene archäologische Begleitung durch das Landesamt sei nicht möglich, wann die Stelle wieder besetzt werde, sei offen. So wurde vereinbart wie bisher in engem Kontakt mit der Denkmalbehörde beim Landkreis Funde zu kartieren und zu sichern.

Leider war aber auch die Zusammenarbeit mit dem Landkreis wenig ergiebig. Der Sachbearbeiter bekannte sich zu seiner Unkenntnis auf dem Gebiet der Bodenfunde, seine Nachfolgerin würde gerade eingearbeitet... Der Leiter der Behörde bekundete demonstrativ seine Vorliebe „für Bauten oberhalb der Erde"....

Im Bereich der Einmündung Flamenstraat wurden mehrere Findlinge gefunden (der größte wog 6,4 t) einer verblieb vor Ort, da er wohl mit dem Fundament des Rathauses verbunden ist. Von dort sind keine weiteren Funde bekannt (sehr viele Kabel und Rohre...).

Der 3. BA - erster Teil - begann im April 2007 mit einer vollständigen Freilegung der Strecke vor Hausnummer 17 und 18. H. Albers und Verfasser waren in Absprache mit der Denkmalbehörde beim Landkreis beauftragt („Funde sichern, kartieren, jedoch nicht aktiv graben").

Da jetzt verstärkt menschliche Gebeine auftraten - bereits in geringen Tiefen von nur 10 - 20 cm unter dem Pflaster - wurden diese intensiv abgesammelt. Anfangs wurden diese vor Ort am Rande des freigelegten Straßenbereiches wieder vergraben.

Das beauftragte Tiefbauunternehmen hatte für die Übernahme des Aushubs einen Landwirt in Wiefels gefunden. Der Boden sollte auf einer Pachtfläche in der Nähe des Ortes vorerst zwischengelagert werden. 

Funde im Straßen- bzw. Grabungsbereich: mehrere Findlinge verschiedener Größe, zwei davon bis in das Fundament der Häuser reichend, so dass diese vor Ort verblieben. Auffällig in Höhe der Kirche grünblau gefärbte Schlacke (Kupfer, Bronze: Wurde dort vor Ort geschmolzen?). In Höhe Eingang Modehaus unmittelbar neben den Arbeiten zum 1. BA wurde ein nahezu quadratisches Gemäuer von 180 cm Außenmaß gefunden (Backsteine im Klosterformat, aber flacher). Hier wird vermutet, dass es sich um das Fundament der Kirchpütt handelt. Im 1. BA wurde im danebenliegenden Bereich zu dem Brunnen nichts gefunden (bzw. es wurde dazu nichts bekannt). Das Gemäuer wurde wie bei der Ratspütt mit einer Betonplatte abgedeckt, auf dringendem Wunsch bei diesem jedoch mit einem Einstieg und Kanaldeckel versehen, so dass innerhalb des Gemäuers weitere Grabungen möglich sind.

Im Aushub aus dem Bereich der Kirchpütt wurde der Teil eines Kopfstückes eines Sandsteinsarges gefunden. Hirtenstab und Teile eines Kreuzes sind erkennbar.

In Höhe der Töpferei nahmen die Anzahl menschlicher Gebeine erheblich zu. Skelette in situ wurden bei ca. 80 - 100 cm gerade angekratzt, dazu auch Mauerreste einer Grabkammer. Neben dieser Kammer ergab sich bei - 100 cm ein aus Kieseln (unter 10 cm Durchmesser) „gepflasterter" Bereich.

Mit dem Freilegen des Straßenbereiches vor dem Superintendentenhaus (Nr. 16) nahm die menschliche Knochenfracht dermaßen zu, dass die Kirche veranlasste, dass der Aushub nicht mehr in die Verwendung des Landwirtes kommen sollte. Der Kirchenrat der Gemeinde entschied kurzfristig, den gesamten Aushub als kircheneigen zu erklären und vor Ort (es ist Kirchenpachtland) als „Stillacker" zu belassen. Das Absuchen der Gebeine etc. sollte jedoch weiterhin erfolgen, bis die letzten Anlieferungen abgeschlossen seien (Sommer 2008?).

Im Verlauf des Absuchens des Aushubs nahm die Suchintensität und auch die Aufmerksamkeit zu weiteren möglichen Objekten zu: klosterformatige Backsteine, bearbeitete Sandsteinreste (Teil eines Fenstersimses mit Metallstangenansätzen und Teil eines Türrahmens?) sowie Form-Backsteine (Bruchstücke einer Ziersäule (rund) und konkave sowie konvexe Bogensteine).

Auffällig auch die sehr große Anzahl von Natursteinen (von 5 bis 30 cm Durchmesser). Bis in die 1930-er Jahre war zumindest ein Teil der Straße um den Kirchplatz Kopfsteinpflaster.  Aus der großen Menge passte aber dennoch nur ein geringer Teil dazu  - die Steine sind meistens zu groß oder aber zu klein. 

Mit dem 3. BA 2. Teil (Südseite des Kirchplatzes) wurde aufgrund des regnerischen Wetters und des nahen Altstadtfestes in der Auskofferung anders als bisher vorgegangen: in drei Streifen wurden die freigelegten Stellen unmittelbar danach wieder verfüllt (damit sich dort kein Wasser sammelte). Eine Sichtung der freigeräumten Fläche war nahezu nicht mehr möglich. Knochenfunde waren im Streifen unmittelbar vor den Gebäude vor Ort kaum sichtbar (jedoch später freigespült im Aushub wieder erkennbar). Im Aushub dieses Bereiches wurden jetzt Splitter mit frischen Bruchstellen eines weiteren roten Sandsteinsarges gefunden, die in den Gravuren und Zeichen denen des 12. Jahrhunderts entsprachen (nach Aussage von Hermann Haiduk, Wilhelmshaven, stammt dieser Sandsteinsarg aus dem Odenwald). Ein Durcharbeiten der Abraumhalden war aber aufgrund der Menge sowie des nassen Bodens nicht möglich.

Im Freilegen des parallelen mittleren Streifens, der wenige Zentimeter tiefer als der erste war, konnte Verfasser die Bruchkante von rotem Sandstein erkennen und so fand sich die Bodenplatten des dazugehörigen Sandsteinsarges mit Gebeinresten in der ursprünglichen Lage. Es kann sich hier allerdings nur um eine Zweitbestattung handeln, denn der Sargboden befand sich 65 cm unter der bisherigen und heutigen Pflasterhöhe. Die Bodenplatte wurde mit der Gebeinauflage herausgelöst und gesichert. Jetzt konnte gezielt der Aushub dieses Bereiches durchsucht werden, wobei auch große Teile der Seitenwände und des Kopfteiles (mit Andeutungen von Kreuz und Hirtenstäben) gesichert wurden. Auf der Bodenplatte befindet sich neben Bauschutt und Teilen eines Erwachsenenschädels auch das Teilskelett eines Kindes (Wirbelsäule, Rippen, Becken: Länge etwa 35 cm) in ursprünglicher Lage.

Auch hier wurden in der Tiefe von 80 cm Gebeine in Originallage „angekratzt": noch vollständige Schädel mit Hohlräumen wurden zerrissen - das lässt auf bisher wenig oder gar nicht bewegten Boden schließen. In Höhe des Hauses Nr. 13 schabte der Bagger den festen Verbund einer Grabkammer (Klosterformatsteine) bei - 95 cm frei (Kammergröße innen 47 x 215 cm), innen befinden sich weitere Gebeine.

Eine Arbeitunterbrechung für die beauftragten Tiefbaufirmen war bei den Bergungsversuchen der Heimatvereinsmitglieder bisher nicht erforderlich gewesen. Die Zusammenarbeit klappte soweit. Die im Abstand weniger Tage stattfindenden „Baustellenbesprechungen" von Planer, Bauüberwachung (Stadt) haben aber nicht ein einziges Mal erkennbar auf die Funde der Gebeine, Grabkammern etc. „reagiert".

Zum August 2007 wurde die Stelle des Bezirksarchäolgen neu besetzt, Frau Dr. Fries erfuhr erstmalig auch von den Problemen, die die Mitglieder des Heimatvereins mit der Baggerei und dem Umbau haben...

Die letzten 40 Meter Straße zwischen Kirchturm und Rathaus wurden ab 17. September 2007 ausgekoffert. Aufgrund der Probleme mit den Regenfällen wurde zuerst ein Regenwasserkanal vom Rathaus Richtung Kirchturm etwa 5,5 Meter parallel zur Häuserfront bis in eine Tiefe von 180 cm ansteigend zu 160 cm gelegt. Diese Trasse wurde in einer Breite von 100 cm (Baggerschaufelbreite) erstellt.

Am 18.9. werden dabei Sargteile in schwerem Klei angeschnitten. Die benachrichtigte Denkmalbehörde beim Landkreis verfügte, dass die weiteren Baggerarbeiten eingestellt wurden - der erste Baustopp durch die Bodenfunde. Dennoch kippte das Verhältniss zwischen Baufirma, Bauaufsicht und „Hobby-Archäologen", denn durch die ergiebigen Regenfälle der letzten Wochen waren die Baufristen bereits arg strapaziert worden.

Es wurde vereinbart, dass ein Grabungstechniker des Landesamtes am nächsten Tag den Sarg bergen sollte. Sowohl der Denkmal-Sachbearbeiter des Landkreises wie auch der Baudenkmal-Pfleger aus Oldenburg besichtigten die Fundstelle.

Die Bergungsversuche des Grabungstechnikers in Zusammenarbeit mit den Mitgliedern des Heimatvereins gelangen aufgrund des starken Zersetzungsgrades nicht. Nur in Bruchstücken konnte der Spaltbohlen-Kastensarg geborgen werden. Vorher wurden die dortigen Gebeine gesichert. Der Sarg war war entsprechend christlicher Tradition in Ost-West-Lage ausgerichtetet mit dem Kopf im Westen. In den Rändern des Kanalgrabens wurden weitere Särge erkennbar. Nördlich aus schmalen Brettern (später als Fass-Sarg identifiziert), südlich mindestens ein Spaltholzkasten. Beide blieben vor Ort. Die Sargbodentiefe wurde dokumentiert (ca. 170 cm). Bei der Weiterarbeit des Straßenbauunternehmens wurde nach wenigen Metern wieder eine Sargreihe freigelegt - damit wurden für diesen Tag die Unternehmerarbeiten wieder beendet.

In der Kanaltrasse  lagen ein Baumsarg, daneben die bekannten schmalen Bretter, etwa 30 cm südlich davon ein Spaltholz-Kastensarg. Der Baumsarg wurde durch uns freigelegt, die Gebeine entnommen, und am Abend konnte der Baumsarg mittels Bagger (die jeversche Firma Buhr war auch am späten Abend noch sehr hilfsbereit) herausgehoben werden.

Baustopp, Arbeitsunterbrechungen und dazu unterschiedliche Einschätzungen aller Beteiligten führten kurzzeitig zu heftigen Auseinandersetzungen. Über die Stadtverwaltung wurde dann die weitere Vorgehensweise bestimmt: auch ohne den Grabungstechniker sollte der zu beseitigende Kastensarg möglichst vollständig geborgen werden. Hier sollte die beauftragte Baufirma mit tätig werden.

Am 20. September wurde der Kastensarg freigelegt. Die stabile Erhaltung erforderte nicht, dass die Gebeine extra geborgen werden mußten. Der Sarg konnte nahezu vollständig geborgen werden. Unmittelbar unter diesem Sarg, nur durch die Wirbelsäule auf Abstand gehalten, befand sich der ausgebreitete Boden eines zweiten Sarges aus den schon bekannten schmalen Brettern. Jetzt konnten auch die weiteren Funde zugeordnet werden: Die oberen Teile dieses Sarges waren zwischen die beiden oberen Särge verdrückt worden, ebenso wechselseitig die halbrunden Bretter der Fassböden neben den Kastensarg. Nach Bergung der Gebeine konnte auch dieser Teil des „Fass-Sarges" gehoben werden.

Die Suche mit dem Detektor ergab keinerlei Funde aus Metall. Nach Abnahme der Fassbretter waren noch die „Fassreifen" aus dünnem Holz erkennbar. Im Bereich des Kastensarges und des Tonnensarges wurde ein fast ganzer Tuffstein und eine Scherbe des 13./14. Jahrhunderts gefunden. Im flacheren Trassenbereich mit der bereits früher aufgewühlten Schicht wurden einzelne Schädel sowie weitere Gebeine gefunden. Die weiteren Arbeiten in der Kanaltrasse zeigten weitere Sargreste, diese aber bereits sehr stark zersetzt. Diese Särge waren im Gegensatz zu den geborgenen Teilen in Kies eingebettet.

In Höhe rechte Fensterseite EWE-Gebäude wurde in 152 cm Tiefe (ab jetziger Rinne) eine sehr harte Klei-Schicht festgestellt. Hierin waren Mörtel und Holzkohlespuren eingebettet Dieses kann auf eine alte Oberfläche hinweisen (Brandhorizont?).

Am 21.09.2007 wurden der Baumsarg, der Kastensarg sowie die Bretter des Tonnensarges vom Kirchplatz verbracht und bei der Firma Buhr im jeverschen Gewerbegebiet in einem Wasserbehälter zwischengelagert.

Der nur in Teilen geborgene erste gefundene Sarg (vom Grabungstechniker als nicht konservierbar eingeschätzt) wurde von Klei und Schlamm befreit. Das Holz zerfiel weitgehend. Dennoch konnten erkannt werden, wie der Verbund der Bretter erfolgte: über der Grundplatte wurden die Seitenwände sowie die Kopf- bzw. Fußbretter nur mittels schräg eingesetzter Holznägeln verklemmt. Weder Verzapfung noch Nägel waren erforderlich.

Mit dem 4. Bauabschnitt - der betrifft die Fußwege über den Kirchplatz - wurde im April 2008 begonnen. Über die Denkmalbehörde in Oldenburg wurden 3 Archäologen für 3 Monate eingestellt, die die vom Ausbau betroffenen Bereiche aufnehmen und sichern sollten. Auch hier wurde bis 80 cm Tiefe der Boden für einen ingenieursgerechten Unterbau der Fußwege abgegraben. Allerdings zeigten sich meist schon wenige Zentimeter unter dem Gras „heile" Begrabene, so dass weniger ein Bagger des beauftragten Tiefbauunternehmens mitarbeitete, sondern der meiste Boden von den drei Archäologen sowie 2 Hilfskräften mit „Kelle und Pinsel" bewegt wurde.

Das Tiefbauunternehmen stand auf Abruf für größere Bodenbewegungen bereit, hauptsächlich aber wurde von dieser gleichzeitig der nördliche Abschnitt der Waagestraße sowie die Kleine Rosmarinstraße neu ausgebaut: teils neue Kanäle sowie Versorgungsleitungen und neues Pflaster. Auch für diese beiden Straßen gilt, dass hier in historischem Boden gegraben wurde. In den engen Straßen wurden aber  Betonrohr für Betonrohr verlegt und der Kanal gleich wieder aufgefüllt, so dass keine Gelegenheit  zur Beobachtung von Schichtungen oder vielleicht der Anschnitt des alten Ringgrabens um die Stadtmitte bestand. Wohin der Aushub dieser Straßenbereiche verbracht wurde, konnte nicht weiter verfolgt werden. Aber aus einer bekannten Ablagerung von ca. 11 LKW-Ladungen wurden immerhin ca. 40 Kg Tierknochen, viele Ton- und Keramikscherben, ein zerbrochener Schlittschuh aus dem Mittelfußknochen eines Rindes sowie viele, viele faustgroße Feldsteine allein oberflächlich abgesammelt (daneben auch viel Müll aus alten Plastikrohren, gelben Erdkabel-Warnbändern, Kabelresten etc.). Der Boden bestand auch hier zu einem großen Teil aus der oben erwähnten "schwarzen Schmiere". Leider auch eine verpasste Chance zur Aufhellung von Stadtgeschichte... 

Eigentlich war zu erwarten, dass unter dem sicherlich alten Verbindungsweg zwischen der Kleinen Rosmarinstraße und der Superintendentenstraße  kaum Begrabene zu finden sind - anders als bei den beiden neuen Trassierungen zwischen dem Rathaus und dem Kirchportal und dem neuen Weg um das Edo-Wiemken-Grabmal herum. Aber die dichte Lage der Skelette war nahezu gleich. Entweder konservierte der kleihaltige Boden auch uralte Gebeine aus Zeiten anderer Wegeführungen oder in der Platznot wurden die Wege als Begräbnisorte mit verwendet.
Die Archäologen konnten 81 in situ liegende Begrabenen entnehmen und machten dabei einige bemerkenswerten Funde. Neben zwei offensichtlichen Taschenmesser-Beigaben fanden sich bei mehreren Personen Reste von Totenkronen, Gürtelschnallen sowie Knöpfe. Sargbeschläge und Sarggriffe aus Eisen neben vielen, vielen Nägeln ließen die Ausmaße der in diesen oberen Schichten vollständig vergangenen Särge erahnen. In einer engen Kammer aus Backsteinen waren unmittelbar übereinander mehrer Verstorbene "gestapelt", davon offensichtlich drei Frauen mit jeweils einem kleinen Kind auf dem Bauche liegend. In der Wegeführung zwischen Kirche und Rathaus wurden mehrere gemauerte Grabkammern  freigelegt, manche frei von Gebeinen, manche belegt - alle Kammern aber waren mit Erde aufgefüllt. Eine Kammer mit Deckel wurde nicht gefunden. Die Deckel werden aus Sandstein bestanden haben und seinerzeit gerade aus dem Boden herausgeguckt haben. Bei der Aufgabe des Friedhofes wurden offensichtlich die Platten entfernt und die Kammern aufgefüllt. Reste solche Platten  wurden auch gefunden: Drei halbe Stücke , von denen vielleicht zwei zusammengehörten - was aber nicht mehr zu überprüfen ist, da ein gedankenloser Baggerfahrer eine davon bis zu Unkenntlichkeit auf einem Transport zerstört hatte...

Nicht nur heute wird bei einer solchen Tiefbaumaßnahme grob mit dem dortigen Boden umgegangen. Rohr- und Kabeltrassen aus älteren Tagen liegen bereits unter dem Vorplatz der Kirche. Zwischen Kirche und Glockenturm wurde unter dem Weg ein größeres Gemäuer aus modernem Kalksandstein freigelegt. Nach einiger Suche wurde dazu noch ein Zeitzeuge von dem Kirchenneubau anfang der 1960iger Jahre gefunden. Der wusste, dass es sich hierbei um das Fundament des damaligen Baukranes handelt. Friedhofsboden: da hat man die Baureste gleich mitbegraben...

Jeglicher "Abraum" dieser Grabung, auch Boden mit Gebeinen zerstörter Grablegen wurde nach Wiefels auf das Kirchenland gebracht.

Anfang August 2008 dann waren die Bauarbeiten weitgehend abgeschlossen. Auf der aufgefüllte und planierten Friedhofsfläche wurden Bierstände und eine Bühne aufgebaut und über die letzten Rasenreste und das neue Pflaster konnten sich die Volksmassen des  Altstadtfestes bewegen.