Der Woltersberg bei Jever

Spurensuche
E. C. Dunker 1828
Meßtischblatt 1891

Noch bis in 1960iger Jahre lag der Woltersberg als markante Erhebung nördlich der Stadt Jever in der ebenen und weitgehend gehölzfreien Marsch. Von Norden nach Jever kommend, etwa ein Kilometer vor der Stadt, war er deutlich östlich der Landstraße erkennbar. Mit einer Höhe von 5,3 m über NN hatte er sogar den Titel eines Berges inne. Von hier aus ließ sich die Stadtkulisse mit dem Dachreiter der Stadtkirche, dem Schlossturm, den Windmühlen und den weiteren hohen Gebäuden der Stadt gut erkennen. Diese Ansicht haben verschiedene Maler festgehalten: von Reuter, Dunker, Bardtenschläger, Mettcker, Janssen und von Barnutz sogar in mehrfachen Ausführungen gibt es im Schloss Ansichten aus der Zeit von 1800 bist 1860, wobei Schlossturm, Mühlen und Dachreiter stark überhöht dargestellt wurden.

Blick vom Woltersberg auf die Stadtkulisse um 1830 (Bardtenschläger, Steindruck)
Gleicher Standort, Foto Winter 2017/8

Den Woltersberg gibt es heute immer noch. Aber er liegt jetzt versteckt neben den hohen Papppeln der ehemaligen Landessstraße, die als nicht renaturiertes Relikt der neu angelegten Verkehrsführung um Jever übrig geblieben ist. Eingeengt im Norden durch die neue Bundesstraße als Schnellstraße, im Westen der hohe Wall für das Brückenbauwerk des neues Straßenverlaufes, im Süden durch den nahen Grüngürtel, der die bis 70 m an den Berg heranreichende Wohnbebauung wenigstens optisch trennen soll.

heute Luftbild 2007
aktuelles Messtischblatt 1: 25 000
Luftbild aus dem Jahre 2007

Der Woltersberg ist als Bodendenkmal geschützt. Das Areal ist Privatbesitz und wird als Weide genutzt.

Über die frühere Funktion des Woltersberges und seine Geschichte haben sich interessierte Kreise in Jever schon viele Gedanken gemacht. Eine größere archäologische Grabung hat aber noch nicht stattgefunden.

So gibt es bisher keine eindeutigen Erkenntnisse. Zuletzt wurde im Jahre 2012 im Rahmen eines Projektes zu mittelalterlichen Hafenstandorten das Areal des Woltersberges geomagnetisch untersucht (NWZ vom 21.01.2012). Ergebnisse dazu sind mir bisher nicht bekannt geworden.

In dem Buch "293 Burgen und Schlösser im Raum Oldenburg-Ostfriesland" (1977/80) von Günter Müller wird der Woltersberg im 2. Ergänzungsband aufgeführt (S. 37): "Der um 1500 als "Kleiburg" bezeichnete Woltersberg bei Jever war einst eine von doppeltem Ringwall umgebene Festungsanlage. Nach Wöbckens Ansicht wurde dieser Stützpunkt von den Normannen angelegt. Er stand durch einen Priel mit der Nordsee in Verbindung. Andere Heimatforscher vermuten, daß einst auf dem Woltersberg die Burg des Horant stand (Gudrunlied). Wieder andere Forscher halten ihn für den Wohnsitz des Dänen Harald Klak, der 826 Rüstringen als Lehen erhalten hatte. Die Ringwälle sind nach dem Abzug der Normann im Laufe der Zeit beseitigt worden."
Im Katalog "Ringwall und Burg in der Ärchäologie West-Niedersachsens" zur gleichnamigen Ausstellung im Museumdorf Cloppenburg 1971 wird der Woltersberg nur sehr knapp erwähnt, obwohl er im Vergleich zu anderen beschriebenen Plätzen doch erheblich stattlicher ist. Übrigens werden zwei weitere Burgenstandorte im Stadtgebiet Jever in beiden Veröffenlichungen gar nicht beachtet: Die Sanderler Burg kann sogar noch Fundamente vorweisen; der Dannhalm (die Dannhalmsburg) zeigt vermutlich neben der Wurt auch noch eine Vorburg.

Aus diesem Mangel an Informationen habe ich die bisher umfangreichste vergleichende Untersuchung zum Woltersberg hier editiert. Im Herbst 1926 hatte Dr. phil. Wolfgang Sello, der Sohn des für die Erforschung der jeverschen Geschichte wichtige Oldenburger Geheime Archivrat Georg Sello, in der Tageszeitung 'Nachrichten für Stadt und Land' in Oldenburg einen Bericht über den Woltersberg bei Jever veröffentlicht. Dieser Bericht erstreckte sich über 7 Ausgaben zwischen dem 27. September und dem 06. Oktober. Wie seinerzeit üblich, war der Text in Fraktur gesetzt. Die in Teil 3 angeführten beiden Korrekturen sind übernommen worden. Die frühere Rechtschreibung ist beibehalten worden.

W. Sello hat im Teil 2 einzig eine eigene Skizze beigefügt. Die übrigen im Verlauf des Textes eingefügten Bilder stammen von den dort angegebenen Quellen bzw. von mir.

 

 

Der Woltersberg bei Jever.

Von Dr. Phil. Wolfgang Sello

Nordöstlich der Stadt Jever, rechts der Landstraße nach Hooksiel, dem alten Weg ins Wangerland, erhebt sich ein ansehnlicher Hügel der Woltersberg genannt. Inmitten flacher Marsch gelegen, ist er mit seiner Höhe von 5,30 Meter über Null weithin sichtbar und muß den Blick um so eher auf sich lenken, als sein Umriß nicht der leichtgewölbter Kuppe einer der bekannten Wurten gleicht, die man sonst in der Marsch so häufig sieht, sondern ungewöhnlich eckige Formen aufweist.

Daß der Woltersberg eine Stätte ist, die einmal ihre Bedeutung im historischen Geschehen gehabt haben muß, wie wenige wissen das heute. Und doch ist es so; eine Burg krönte ihn in alten Zeiten! Wohl ist der Name verklungen, keine Chronik, kein Lied künden von ihren Geschicken in Tagen der Freude und der Kampfesnot, aber Uebereste des Unterbaues verraten heute noch dem kundigen Auge ihr einstiges Sein -- Reste, an welchen allerdings die Allgemeinheit auch früher schon kein sonderliches Interesse genommen zu haben scheint, sonst würde der Platz nicht so selten in den Quellen erwähnt sein, als das - der Altertumsfreund muß sagen leider - der Fall ist. Wir wollen uns die fraglichen Stellen einmal ansehen.

Im großen jeverschen Hexenprozeß von 1592 war es, daß eine Frau aus Waddewarden aussagte, die Hexen hätten in einem Werf bei Jever, Wolters geheißen, ihren Tanzplatz gehabt. Von einer ehemaligen Burg scheint die Frau nichts gewußt zu haben, denn sie legt dem Hügel die Bezeichnung Dorf (= Wurt) bei. Sein Name, der von einem Besitzer oder Bewohner abgeleitet scheint, wird, wie wir aus dieser Aussage folgern dürfen, damals im Volksmunde allgemein im Gebrauch gewesen sein und ist jedenfalls nicht so jung, wie man es neuerdings hat annehmen wollen. Fraglich ist es, ob wir in dem Umstande, daß die Hexen auf dem Woltersberg tanzen, eine im Unterbewußtsein des Volkes dunkel bewahrte Erinnerung an die Vorgeschichte der Oertlichkeit erblicken dürfen. Zerstörte Burgen und andere wüste Plätze belebt der Volkglaube ja gern mit unheimlichen Gestalten und spukhaften Erscheinungen - auf der Bokelerburg bei Rastede brennt zum Beispiel nachts ein Schatz. Jedoch die Hexlein im Jeverland scheinen in besonderem Maße tanzlustig gewesen zu sein. Sie tanzten, wie erzählt wird, nicht nur auf dem Woltersberg, sondern auch auf Wurten und Kreuzwegen, bei denen eine besondere historische Bedeutung nicht erkennbar ist, und vielleicht hat nur die sagenartige Form des Hügels, dessen obere, ebene Fläche man zur Not mit einem Tanzboden vergleichen kann, zu der Erzählung Veranlassung gegeben.

Ein Menschenalter später erwähnt der ostfriesische Häuptling Ulrich von Werdum in seiner "Series familiae Werdumanae" eine sonst unbekannte arx Kleiburgica, also eine "Burg bei Kleiburg". Nun findet sich auf dem amtlichen Meßtischblatt bei einigen Häusern östlich des Woltersberges der Name "Kleiburg" eingetragen, und es ergibt sich daraus für unseren Zusammenhang die Frage, ob der Werdumer mit seiner "Kleiburger Burg" etwa den Woltersberg gemeint hat. Tat es das, so folgt daraus, daß zu Ulrichs Zeiten der Burgcharakter des Platzes bekannt war, da eine andere Stelle in der Nähe der Kleiburg genannten Ländereien nicht in Frage kommt, im Hinblick auf die eben erwähnte Aussage im Hexenprozeß von Interesse wäre.

Aber die Gleichsetzung "arx Kleiburgica = Woltersberg" ist bedenklich. An einer anderen Stelle seiner "Series familiae Werdumanae" spricht Ulrich nämlich von einem Besitztum, das zu den Ländreien der Kleiburger Burg gehöre und zu Förriesdorf im Wangerland gelegen sei. Dieser Stelle zufolge müssen wir entweder die "arx Kleiburgica" und das Kleiburg, nach welchem sie benannt ist, in der Nähe von Förriesdorf suchen, und sie ist dann eben nicht mit dem Woltersberg identisch, oder aber sie ist mit ihm identisch, und dessen zugehörige Ländereien müßten sich bis in das Wangerland erstreckt haben. Und weiter, da das Besitztum in Förriesdorf in den Händen der Werdumer war, müßte auch der Woltersberg ihnen gehört haben, wovon wiederum nichts bekannt ist.

Wenn es somit vorläufig auch noch dunkel ist, ob wir in der "arx Kleiburgica" unseren Hügel wiederzuerkennen haben, eines können wir mit ziemlicher Gewißheit annehmen, daß nämlich die Kleiburg genannten Ländereien ihren Namen von der Burg auf dem Woltersberg empfingen. Bei Bohrungen, die man dort vor längeren Jahren zwecks Feststellung der Fundamentierungsmöglichkeiten eines Bismarckturmes machte, ergab sich, daß der Hügel aus Klei besteht. Die Burg auf ihm ist in der Tat also eine rechte "Kleiburg," eine Bezeichnung, die allgemeiner in Gebrauch gewesen sein mag und an der benachbarten Oertlichkeit hängen blieb. -

Erwähnt man schließlich noch, daß B. Martens in seiner historisch-topographischen Beschreibung des Jeverlandes (Braunsdorf S. 61) von Ruinen eines Kellers auf dem Woltersberg zu berichten weiß, so ist das wohl alles, was wir an quellenmäßigen Nachrichten über den Hügel haben, und was wir erfahren, sagt wenig genug.

Eine wissenschaftliche Bearbeitung ward ihm auch noch nicht zuteil. Gewiß hat C. Woebcken in den letzten Jahren dankenswerterweise wiederholt auf den Woltersberg aufmerksam gemacht (Wanderfahrten durchs Friesenland S. 190, Oldenburger Wanderungen S. 30, Jever, die Stadt der Kunst, sage und Geschichte S. 5ff.), hat ihn in seiner Form nach beschrieben und seine zeitliche Stellung und seine historische Bedeutung zu bestimmen versucht; eine eingehendere Untersuchung hat er aber nicht durchgeführt. -

Und doch - dem Woltersberg ist eigentlich Unrecht damit geschehen, daß man ihn so wenig beachtet hat. Im Laufe der folgenden Untersuchung werden wir sehen, daß er, wenn man ihm mit allen Mitteln wissenschaftlicher Forschung auf den Leib rückt, gegebenenfalls eine Bedeutung erlangen kann, die über den Rahmen unserer engeren Heimat erheblich hinausreicht, und gerade dieser Umstand ist es, der mich verlaßt, weitere Kreise mit seiner Form und Art, mit den Möglichkeiten, die er in sich birgt und den Ausblicken, die sich an ihn knüpfen können, bekannt zu machen, so gewagt ein solches Unterfangen auch bei der Unsicherheit des Bodens, auf dem man sich bewegt, erscheinen mag! -

(Teil 2)

Zunächst die Form, zu deren Verständnis die beifolgende Planskizze dienen soll. 1 Millimeter ist auf der gleich 2 Schritten angesetzt, der Schritt zu etwa 70 Zentimetern. Auf große Genauigkeit erhebt sie als Skizze keinen Anspruch; diese ist auch, da die Linien vielfach im Gelände verschwimmen, kaum mit gewöhnlichen Mitteln zu erreichen, aber die Grundform wird richtig wiedergegeben sein. Die Stadt Jever ist auf der linken Seite zu deuten; die Straße nach Waddewarden führt am oberen Rande vorbei.

Sello

Im Kern der ganzen Anlage sehen wir einen pyramidenförmigen, fast quadratischen Burghügel mit geraden Seiten, dessen obere Fläche etwa 70 : 50 Schritt beträgt, während die Basis etwa 95 Schritt im Quadrat hält. Die Ecken sind gleichmäßig abgerundet. Um den Hügel führt ein an der Sohle 12 bis 14 Schritt breiter Graben, der noch jetzt vielfach feucht, ursprünglich voll Wasser gewesen sein muß. Etwa 5 Schritt vom Rande der oberen ziemlich ebenen Hügelfläche entfernt zieht sich vom Rande folgend eine schwache, nur wenig über das umliegende Niveau hinausragende Erhöhung in einer Breite von 10 - 15 Schritt rings herum, gleichfalls gradlinig und mit abgerundeten Ecken (auf der Skizze punktiert angedeutet). Nach Analogie ähnlicher Anlagen müssen wir sie als den Ueberrest einer ehemaligen Wallmauer ansprechen, die einst vielleicht aus Holz und Erde oder Lehmstakenwerk errichtet den Hügel erst wirklich zur Burg machte. Aus der Breite der Spur, die sie hinterlassen, könnte man folgern, daß sie einen Durchmesser von 4 Metern gehabt hat - dieses Maß kommt beispielsweise bei einem von Karl d. Gr. erbauten, in den Jahren von 806 - 810 erwähnten Kastell Hobbucki, dem heutigen Höhbeck bei Gartow an der Elbe vor - und der Fuß war, die sogenannte Berme freilassend, um mehrere Meter vom äußeren Rande des Hügels abgerückt. Ein Rundwall, wie Woebcken meint (Jever, die Stadt der Kunst, sage und Geschichte S. 6), ist somit unsere Anlage nicht, wenn man, wie es sinngemäß ist, unter Rundwall jene Art von Rundlingen versteht, die in unserer Heimat durch die Bokelerburg, den Heidenwall bei Dehlthun, die Arteburg und Quatmannsburg vertreten wird, sondern eine Hügelburg mit fast quadratischer Wallmauer, deren von der sonst üblichen Form abweichender Grundriß unsere besondere Beachtung verdient.

Richten wir unsere Blicke nun nach dem äußeren Rande des Grabens, so bemerken wir dort etwas, was wie eine Vorwall aussieht. Es zeigt im Norden, Oste und Süden des Burghügels höhere Anschwellungen; besonders die südliche (auf unserer Skizze unten) ist erheblich und reicht fast bis zur Höhe des mittleren Hügels hinauf. Bei eingehender Betrachtung im Gelände, drängt sich die Ueberzeugung auf, daß dieser nach Süden flach abfallende, merkwürdig gestaltete Rücken, der von dem eigentlichen Burghügel nur durch den Graben getrennt ist, ursprünglich einmal mit letzterem ein Ganzes gebildet hat. Nicht anders ist es mit den beiden Anschwellungen im Osten und Norden. Auch sie müssen allem Anschein nach früher mit dem mittleren Hügel zusammengehangen haben - man beachte das Profil der Anlage, wenn man sich ihr vom Ort her nähert - und von dieser Erkenntnis aus wird die Entstehung des eigentlichen Burgplatzes und die eigentümliche Gestaltung des Vorwalles leicht verständlich.

Ursprünglich wird der Woltersberg eine normale, aus Klei aufgeworfenen Wurt von ovaler Gestalt gewesen sein, deren höchster Punkt etwa in der Mitte des jetzigen Burghügels gelegen haben mag, und die sich nach Süden zu etwas mehr abdachte als nach den anderen Seiten. Die Ansicht Woebckens, der als Grundlage der Burg einen Grabhügel annehmen möchte, muß wegen der Größe und flacheren Form des Hügels als unhaltbar abgelehnt werden. Aus dieser Wurt nun wurde bei Anlage des Burgplatzes durch den noch jetzt vorhandenen Graben das mittlere, regelmäßige gestaltete Stück herausgeschnitten und die gewonnene Erde zur Erhöhung und Einebnung seiner Oberfläche verwendet. Auf seinen 4 Seiten blieben abgetrennte Randteile des ursprünglichen Hügels stehen; das größte im Süden, auf den anderen Seiten kleinere. Auch auf der nach der Stadt zu liegende Westseite, an der sich jetzt zur Landstraße führender Feldweg hinzieht, ist ein solches Stück vorhanden gewesen. Bei der Anlage jenes Weges trug man es vermutlich ab, aber ein leichtes Ansteigen des Geländes beweist auch heute noch sein früheres Dasein. Und nun verfuhr man ganz besonders praktisch! Um einen Vorwall zu gewinnen verband man die restlichen Randteile des ursprünglichen Hügels untereinander durch kurze, gebogenen Wallstücke, die gerade auf die Ecken des eigentlichen Burghügels zu liegen kamen - das Stück von Nordosten (auf der Skizze oben rechts) ist noch jetzt ganz deutlich erkennbar, das Stück im Südosten weniger - und erhielt auf diese Weise eine Umwallung, die, mit Palisadenzaun oder Dornenhag besetzt, als "Drahtverhauersatz" wirksam die Annäherung eines Angreifers an den Graben verhindern konnte, zumal wenn sich noch ein zweiter Graben um die ganze Anlage herumzog, von dem allerdings nur schwache Spuren im Norden und Süden vor dem Vorwall sichtbar scheinen.

Freilich - über eines müssen wir uns klar sein! Bewiesen werden kann die eben geschilderte Umformung einer Wurt zu der jetzt vor uns liegenden Burg nur durch Erdbohrer und Spaten des wissenschaftlichen Ausgräbers, so einleuchtend auch der Vorgang dem prüfenden Auge im Gelände erscheinen mag, so manche Parallelen sich bei anderen, besonders frühmittelalterlichen Burgplätzen für das hier geübte Verfahren finden lassen. Nur sachgemäße Ausgrabung kann Aufschluß darüber geben, ob der Hügel wirklich einmal eine Wurt war, was durch Anschneiden einer Kulturschicht im Inneren bewiesen würde. Nur der Spaten kann uns auch unterrichten über die Konstruktion der Wallmauer, über die Anlage des Tores und der Zuwegung zu demselben, wovon jetzt keine Spuren mehr sichtbar scheinen, über die Wohnbauten im Inneren - und ebenso über die Backsteine, die sich zahlreich im Boden finden sollen, wie die "Bau- und Kunstdenkmäler" zu melden wissen. Sie sind vielleicht dem bei Martens erwähnten Keller zuzuweisen, der einem Hause angehört haben kann, dessen Bewohner dem Woltersberg zu seinem Namen verhalf.

Hoch aufgelöste Luftaufnahme vom März 2011

Und nun die Art! -

In meinem Aufsatz über: die Burg Elmendorf (Nachr. f. St. u. Ld., 7.-10 Okt. 1925) habe ich den Gang der Entwicklung von der vorgeschichtlichen Burg zum mittelalterlichen Wehrbau besonders im Hinblick auf unsere nordwestliche Heimat kurz zu zeichnen versucht, und es erhebt sich jetzt die Frage, zu welcher der dort charakterisierten Typen wir unsere Burg auf dem Woltersberg rechnen müssen, um auf diese Weise einen ungefähren Anhalt für ihre zeitliche Stellung zu finden. Vorwall und Vorgraben sagen uns nichts, sie kommen ebenso bei sächsischen Volksburgen wie bei hochmittelalterlichen Anlagen vor, wenn auch die in unserem Fall vorhandene Form, wo ein nicht starker und an sich auch nicht verteidigungsfähiger Wall vermutlich als Träger eines Palisadenzaunes oder Verhacks eng dem äußeren Grabenrand folgt mit der einzigen Aufgabe, den Gegner im ersten Anlaufe vom Graben fernzuhalten und ihn zu zwingen, sich im guten Schutzbereich des Verteidigers mit der Beseitigung des Hindernisses abzumühen, sich erst bei den starken Rundlingen des 9. und 10. Jahrhunderts allgemeiner zu finden scheint. Aber die Burg selbst lag ja auf einem ganz regelmäßig gestalteten Hügel, der mit einem Wassergraben umgeben war. Hügelburgen mit solch' einfachem oder auch Komplizierten Grundriß sollen nach Schuchardt auf fränkische-normannischen Einfluß zurückgehen, ihr Vorbild letzten Endes im römischen Lager und den Wachtürmen am römischen Grenzwall in Süddeutschland haben und etwa dem 10.-11. Jahrhundert angehören. Ist es nicht möglich, unseren Woltersberg auch in diesen Typus der sogenannten Turmhügelburgen einzureihen? Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man wirklich zu diesem Schluß kommen, und auch Woebcken hat ihn in seinen "Friesischen Wanderungen" und in seinem Büchlein "Jever, die Stadt der Kunst, Sage und Geschichte" gezogen. Es scheint so, als ob er unsere Burg mit dem in Schuchardts Atlas der vorgeschichtlichen Befestigungen in Niedersachsen, Taf. 75a wiedergegebenen "Borgholt" bei Ardorf (Wittmund) in Parallele setzen möchte, und er hat gleich eine Quellenstelle zur Hand, in welcher sie in der Mitte des 12. Jahrhunderts erwähnt sein soll. Zum Jahre 1149 erzählt nämlich die Oestringer Chronik aus der großen dreißigjährigen Fehde der Oestringer und Wangerer, daß eine Burg der Oestringer von den Harlingern, den Bundesgenossen der Wangerer, heimlich belegt worden sei, daß diese aber mit einem Verlust von 16 Mann wieder vertrieben worden wären. Mit dieser Burg der Oestringer will Woebcken den Woltersberg gleichsetzen und verlegt den erwähnten Vorgang dorthin.

Gegen seine Auffassung ergeben sich aber Bedenken! Einmal will man den Borgholt, der übrigens nach dem jetzigen Stande meines Wissens auch jünger sein kann als ihn Schuchardt ansetzt, mit einer Burg bei Jever vergleichen, so kann das nur die Burg auf dem Dannhalm sein, in der wir vielleicht - sie ist in der Größe die typische Burg eines einzelnen Dynasten - den Sitz eines Vogtes oder Vizegrafen der Herzöge von Sachsen, der Billunger, die im 11. Jahrhundert die Münze in Jever besaßen, zu sehen haben. Ihre Abmessungen waren ursprünglich - die Hügel der Dannhalmsburg sind jetzt erheblich angegraben - wohl ziemlich gleich, und nur insofern besteht in der Anlage ein Unterschied, als der Unterbau des Turmes beim Borgholt rund ist, während er bei der Burg auf dem Dannhalm ein Rechteck darstellt. Der Woltersberg dagegen hat nur ganz entfernte Aehnlichkeit mit dem Borgholt.

(Teil 3)

Weiter ist auch der in der Chronik geschilderte Vorgang nicht ganz klar. Eine Burg "belegen" heißt nach gewöhnlichem, mittelalterlichem Sprachgebrauch, eine Burg "belagern", und eine heimliche Belagerung ist natürlich ein Unding. Also müßte "belegen" doch im Sinne des heutigen Sprachgebrauches = "darauf legen, besetzen" gefaßt werden? Wie dem auch sei, da alle weiteren Anhaltspunkte fehlen, ist es immerhin gewagt, den Woltersberg mit der in der Chronik erwähnten Burg zu identifizieren; und selbst wenn das Faktum stimmte, so gewinnen wir daraus nur den Anhalt, daß die Burg im Jahr 1149 bereits vorhanden war, für ihre wirkliche Entstehungszeit aber nichts.

Und schließlich - den Woltersberg so ohne weiteres in die Reihe der Turmhügel des 10. und 11. Jahrhunderts setzen, geht doch nicht an. Vor mir liegen die Grundrisse einer ganzen Anzahl hierher gehöriger Burgen aus Norddeutschland, aus Frankreich und aus England, sicherer Einzelherrensitze, die dem frühen und hohen Mittelalter zuzuweisen sind, und da ergibt sich die merkwürdige Tatsache, daß die Hügel in den meisten Fällen rund sind. Einige wenige Exemplare, hauptsächlich in Westfalen und im Oldenburger Land, zeigen rechteckigen Grundriß, wobei die westfälischen aus hier nicht wiederzugebenden Gründen für unsere heimischen vorbildlich gewesen sein könnten. Nur im Deutschordensland findet sich sonst noch der eckige Grundriß häufiger, doch gehören die dortigen Anlagen bereits dem späten Mittelalter an und nicht dem 10. und 11. Jahrhundert. Von jenen vereinzelten Burgen mit eckigem Grundriß gleicht aber keine dem Woltersberg. Wohl sind gewisse Aehnlichkeiten vorhanden, was jedoch vor allen Dingen wichtig ist, unsere Burg ist umfangreicher als die anderen, die nur eben so groß waren, daß sie im Kernwerk das wehrhafte Haus eines einzelnen Dynasten aufnehmen konnten, das wegen der meist nur geringen, der Verteidigung zur Verfügung stehenden Zahl von Bewaffneten, auch nicht größer gemacht wurde, als unbedingt nötig war. Der Woltersberg dagegen erforderte zur Besetzung seiner, im Mittel 35 bis 38 Meter im Quadrat habenden Wallmauer, sicher eine Besatzung von 100 Mann, 25 auf jede Seite gerechnet. Ein einzelnes wehrhaftes Gebäude oder einen Turm auf ihm zu suchen, darauf weisen die Bodenverhältnisse nicht hin und ist seine Oberfläche überhaupt zu groß, womit seine Einreihung in den Typus der wirklichen Turmhügelburgen, für die es eben im allgemeinen charakteristisch ist, daß, falls nur ein Hügel vorhanden ist, dieser auch nur von einem Wehrgebäude gekrönt wird, mehr als fraglich erscheint. Unter allen mir bekannten Burgen, die als Turmhügel in der Literatur angesprochen werden, ist überhaupt keine einzige, die man mit dem Woltersberg direkt in Parallele setzen könnte, und das macht seine zeitliche Bestimmung, die mangels einer Ausgrabung ja nur auf dem Wege des Analogieschlusses erfolgen kann, eben so schwierig!

Ein illegal zugeschütteter Tümpel vor dem Woltersberg (Gerhard Fokuhl 1990)

Wenn ich den Grundriß unseres Woltersberges mit seiner regelmäßigen Formung, dem Vorwall und den abgerundeten Ecken betrachte, kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, daß darin manches liegt, was an ein römisches Kastell erinnert. "Ich hab's," könnte da ein kluger Mann sagen! "Der römische Schriftsteller L. A. Florus, der um das Jahr 120 n. Chr. eine römische Geschichte verfaßte, berichtet, daß im Jahre 12 v. Chr. Drusus auf dem Zug in das Chaukenland an der Wesermündung ein Kastell angelegt habe. Der Woltersberg ist dieses Drususkastell! Es liegt zwar nicht direkt an der heutigen Wesermündung, aber wir können nicht wissen, ob der Fluß nicht vor bald 2000 Jahren ein verzweigtes Mündungssystem gehabt hat, und genauere geographische Kenntnisse dürfen wir bei dem im fernen Italien schreibenden Römer, der sich dazu nicht durch besondere Selbständigkeit auszeichnet, kaum erwarten!"

(Teil 4)

Aber auch dieser kluge Mann wird nicht Recht haben. Freilich gibt es kleinere römische Kastelle, von etwa 50 m Seitenlänge - dieses Maß würde zu unserem Woltersberg passen - die nicht, wie z. B. die bekannte Saalburg bei Homburg, wohnhafte Standquartiere römischer Truppen sein sollen, sondern zu Stützpunkten von rein militärischen Charakter bestimmt waren. Im alten Gallien sollen sie häufiger vorgekommen und auch in Nordafrika zahlreich sein. Doch gewichtige Gründe sprechen gegen die Gleichsetzung des Woltersberges mit dem Drususkastell. Einmal ist es kaum römischer Brauch gewesen, durch einen Grabenaus einer vorhandenen Anhöhe einen künstlichen Hügel zu schaffen auf dem das eigentliche Kastell gelegt wurde; zumal für jene frühe Zeit von Christi Geburt ist das abzulehnen. Weiter hat der Graben nicht das V-förmige Profil, das von den Römern bei ihren Lagern mit Vorliebe angewandt wurde. Vorwälle treten zwar dort häufiger auf, sind aber entsprechend dem hohem Stande römischer Feldmeßkunst meist mit großer Genauigkeit und Regelmäßigkeit angelegt; eine gewissermassen improvisierte Form wie in unserem Falle ist mir bei ihnen nicht bekannt. Und schließlich ist auch die breite Berme, jener Abstand vom Fuß der Wallmauer bis zum inneren Rand des Grabens, der noch jetzt fast vier Meter breit, ursprünglich an die sechs Meter betragen haben wird, bestimmt nicht römisch. Die Saalburg und andere römische Castra haben eine Berme von nur 1/2 - 1 Meter Breite; die mehrere Meter breite Berme ist dagegen charakteristisch für Wehrbauten vom 9. Jahrhundert an (vgl. Schuchardt: Vorgesch. Atlas. Einleitung S. 11). Auch ist es fraglich, ob eine Wurt in der Zeit von Christi Geburt bereits annähernd die Höhe hatte, wie sie der Woltersberg jetzt zeigt. Es müßte denn sein, daß im Inneren desselben ein Diluvialhügel verborgen wäre, worüber aber jene eingangs erwähnten Bohrungen keinen Aufschluß gegeben haben. -

Wer sich eingehender mit dem Burgenbau des frühen Mittelalters beschäftigt hat, der mag wie ich, zu der Ansicht kommen, daß die Burg auf dem Woltersberg zwei verschiedene Befestigungsgedanken in sich vereinigt, einen älteren und einen jüngeren. Das Grundprinzip der Burg in vorgeschichtlicher und sächsischer Zeit, bei den starken Rundlingen des 9. und 10. Jahrhunderts wie auch beim römischen Castrum ist der, daß durch Wallmauer und Graben ein ausgesuchter Platz aus dem Gelände herausgeschnitten und wehrhaft gemacht wird. Mit dem Fall der Mauer ist das Schicksal des Platzes besiegelt. Im Einvernehmen mit diesem - älteren - Prinzip hat der Woltersberg doppelten Wall und Graben, und denken wir uns die Anlage rund statt eckig, so ist sie im Grunde genommen nichts anderes als etwa die Bokelerburg bei Rastede.

Das eigentliche Mittelalter begnügt sich meist mit der bloßen Ringmauer. Wahrscheinlich unter Weiterführung römischer Vorbilder wird in den Kern der ganzen Anlage ein wehrhafter Bau, ein Turm gestellt - v. Cohausen hat das zuerst in seiner Bedeutung erfaßt. Fällt auch die Ringmauer, immer noch bleibt die Burg bis zu einem gewissen Grade verteidigungsfähig, so lange nicht die Zitadelle, der Turm, genommen ist. Diesen stellt man bei den Höhenburgen im Gebirge gern aus Gründen der Zweckmäßigkeit auf den höchsten Punkt des Burgplatzes. Auch für die mittelalterlichen Burgen der norddeutschen Tiefebene ist der Turm oder ein festes Gebäude, das dessen Stelle vertritt, das eigentliche Kernwerk; sie unterscheiden sich in ihrem Grundgedanken durchaus nicht von den gleichzeitigen Höhenburgen. Auch hier stellt man den Turm gern auf eine Höhe, und fand man keine natürliche, so schuf man sich eine künstliche, besonders zu der Frühzeit, als der Bergfried meist nicht aus Stein aufgemauert, sondern aus Balken und Lehmstakenwerk konstruiert wurde. Der Hügel - die mota - ist bei diesen Burgen nur Mittel zum Zweck, nicht etwas dem Grundprinzip wesentliches, was sie von den Höhenburgen unterscheidet, wie z. B. früher Köhler in seiner "Entwicklung der Kriegskunst" und nach ihm v. Essenwein in seiner "Kriegsbaukunst" angenommen haben. Er kann auch fehlen und tut es in späterer Zeit, als man die Türme allgemein ganz aus Stein aufführte, häufiger, weil die Fundamentierung eines Steinturmes auf einem aufgeschütteten Hügel naturgemäß großen Schwierigkeiten begegnet. Mit dieser Hochlegung eines Turmes entsteht jener, besonders in der Tiefebene verbreitet Typus der Turmhügelburgen, der, wie ich jetzt annehme, nicht nur im 10. und 11. Jahrhundert, sonder wenigstens in unserer Gegend bis in den Ausgang des Mittelalters hinein in Gebrauch war. Daß dabei im Ablauf der Zeiten die Gestaltung der Bauteile im einzelnen nicht immer auf dem Stande des beginnenden Mittelalters blieb, ist nicht zu verwundern: das Grundprinzip aber war konstant. Ein besonders spätes Exemplar dieser Gattung ist die dem Ende des 14. Jahrhunderts angehörige, im Jahre 1435 zerstörte starke Sibetsburg bei Rüstringen. Sie besteht aus einem rechteckigen, pyramidenförmigen, etwa 3 Meter hohen Hügel mit abgerundeten Ecken, dessen obere Fläche eine Ausdehnung von etwa 32:36 Schritt, also noch nicht 1/4 der Oberfläche des Woltersberges, hatte. Obwohl dieser Raum somit ziemlich beschränkt war, stand doch allem Anschein nach nicht ein Wohnturm darauf, sondern zwei kleine im rechten Winkel gestellte Wohngebäude im Südwesten und zwei im rechten Winkel stehende Mauern im Nordosten umschlossen einen Miniaturhof, in welchem sich ein Turm mäßigen Durchmessers frei erhob. Trotz dieser inneren Gliederung wird die Anlage sich nach außen hin als ein einheitlicher Wehrbau dargestellt haben, der damit von dem vielgliedrigen Schema der Höhenburgen (vergl. etwa die Wartburg) durchaus abweicht und seine Herkunft von den Turmhügeln des früheren Mittelalters nicht verleugnet. Um den Fuß des Hügels zog sich ein Graben, der ihn von der die Wirtschaftsgebäude tragenden Vorburg trennte. Die Gesamtanlage war dann noch von zwei Wällen mit vorgelegten Gräben umgeben.

Die Burg auf dem Woltersberg gehört nicht zu den eigentlichen Turmhügelburgen, diese Ansicht mußten wir vorhin ablehnen. Aber sie zeigt bereits die mit ihnen neu auftretende Tendenz, dem Verteidiger nicht auch durch einen hohen Unterbau dem Angreifer gegenüber die kampftechnisch wertvolle überhöhte Stellung zu schaffen, eine Tendenz, die eben den älteren Rundwällen noch durchaus fehlt. Mit anderen Worten, man behielt die Ringmauer zwar bei, setzte sie aber auf einen Hügel hinauf. Denken wir uns unseren Burgplatz verkleinert und darauf einen Turm gestellt, so haben wir die zeitlich folgende Stufe der Entrichtung, wie sie auch noch durch die Sibetsburg repräsentiert wird. Die Turmhügelburgen beginnen nun vermutlich - in Deutschland wenigstens - frühestens am Ausgang des 9. Jahrhunderts, haben aber ihre eigentliche Ausbildung erst im 10. 11. Jahrhundert parallel mit der Entwicklung des Lehnsystems erfahren. Unseren Woltersberg möchte ich wegen der eben erläuterten Mischung von altem und neuem etwa vor den Beginn dieses Typus setzen, und damit kämen wir in den Anfang des 9. Jahrhunderts.

In die gleiche Zeit kann uns auch eine weitere Erwägung führen. Es ist bekannt, daß um die Wende vom 8. zum 9. Jahrhundert im Frankenreiche die Neigung bestand, auf allen möglichen Gebieten kulturellen Lebens antik-römisches Vorbild, das an sich schon Jahrhunderte lang auf den Germanen eingewirkt hatte, von ihm seinen eigenen Lebensformen angepaßt war und bei diesem Prozeß allmählich an Intensität der Wirkung verloren hatte, noch einmal bewußt als unbedingt nachzuahmendes Beispiel hinzustellen. Karolingische Renaissance hat man wohl diesen Vorgang genannt, und es ist ebenso bekannt, welche führende Rolle Karl d. Gr. dabei persönlich gespielt hat. Gerade im Befestigungswesen dieser Zeit läßt sich nun ein Zurückgreifen auf römische Formen deutlich erkennen. Wie ich bereits in meinem Aufsatz über die Burg Elmendorf ausführte, legte man während und nach den Sachsenkriegen zur Sicherung der Etappenstraßen vom Rhein nach der Weser hin befestigte Wirtschaftshöfe, die sogenannten Königshöfe, an. (Beispiele in Schuchardt Atlas der vorgeschichtlichen Befestigungen.) Diese folgen in ihrer Bautechnik durchaus den ihnen zeitlich vorangehenden sächsischen Volksburgen, entlehnen aber ihren Grundriß, der gern ein Rechteck mit abgerundeten Ecken bildet, unverkennbar dem römischen Lager, von dem damals noch zahlreiche Exemplare in Gallien und am Rhein offen zu Tage gelegen haben müssen, und setzten damit ein gewisses Verständnis für Feldmeßkunst voraus. Sie sind, so viel wir wissen, nur in dieser Zeit, und zwar von den Franken selbst angelegt worden, und fanden sich hauptsächlich im westlichen, dem Rhein benachbarten Teil des Sachsenlandes. Als es sich im Zusammenhang mit der Einführung der fränkischen Grafschaftsverfassung darum handelte, auch im eigentlichen Altsachsen, wohin der fränkische Einfluß weniger reichte und wo vermutlich nicht Franken, sondern einheimische Ethelinge zu Grafen bestellt waren, derartige Stützpunkte zu schaffen, da gab man, und das ist sehr charakteristisch für das auch sonst häufig zu beobachtende zähe Festhalten an überlieferten Formen, den gradlinig-eckigen Grundriß wieder auf und kehrte zu dem traditionellen Rundling zurück. Die Burg Dehlthun ist ein schönes Beispiel für Anlagen dieser Art. Mit jenen fränkischen Königshöfen hat nun unsere Burg auf dem Woltersberg unleugbare Aehnlichkeiten. Diese bestehen in dem geometrischen Grundriß, in den abgerundeten Ecken - also gerade dem, was uns vorhin als römisch anmutete und für das bei den Königshöfen, wie gesagt, auch das römische Modell vorbildlich war - und auch in der mehrere Meter breiten Berme, welche im Entwicklungslauf der frühgeschichtlichen Befestigungen zuerst bei den Königshöfen ausgesprochen auftritt. An Größe steht freilich der Woltersberg den letzteren erheblich nach, doch gibt es auch kleinere Befestigungswerke aus der gleichen Zeit, die ihn in ihren Ausmaßen kaum übertreffen. So deckte die kleine viereckige Schanze in der Bruntesende bei Uelzen nur etwa 1/4 Hektar, was einer Seitenlänge von 50 Metern gleichkommen würde und die Ertheneburg bei Arilenburg ist nicht größer. Von Schuchardt werden denn auch diese Anlagen, die in ihrem Grundriß übrigens viel weniger regelmäßig gestaltet sind als der Woltersberg, nicht als Königshöfe angesprochen, die wegen der wirtschaftlichen Bedeutung, welche sie neben der militärischen hatten, schon eine gewisse Größe haben mußten, sondern als reine Soldatenburgen. Wegen jener Aehnlichkeiten in der Anlage unserer Burg mit diesen Höfen liegt es nahe, auch an die gleiche Entstehungszeit zu denken und damit kämen wir wieder in die Zeit nach 800, zu welcher wir vorhin von anderen Erwägungen aus gelangten. -

(Teil 5)

Recht schön wäre es nun, wenn unsere Folgerungen gestützt würden durch Feststellungen von dem Woltersberg völlig gleichenden Burganlagen, die zeitlich genau bestimmt, exakte Rückschlüsse auch auf seine Entstehungsgeschichte gestatteten. Bis jetzt ist es mir nur gelungen, 5 (oder vielleicht auch 6) analoge Werke in der Literatur nachzuweisen; das ist einmal die sogenannte Tharaburg am Dannewerk, der alten Landwehr , die sich von der Schlei quer durch Schleswig nach der Eider hinzieht, der sogenannte Kaninchenberg bei Pratzau (Kreis Plön) 2 viereckige Hügelburgen an der Dordogne, "la butte de Charlemagne" und "la motte de Moulon" genannt, der sogenannte "Château de Launey" im französischen Kanton Pellegrue, und vielleicht auch das sogenannte "Château du Battant" am rechten Ufer des Ciron. -

Die Thyraburg (vergl. Philippsen und Sünksen: DasDanewerk, S. 29 ff., Handelmann: Vorgesch. Burgen, Zschr. f. Schlesw.-Holst. Gesch. Bd. 10, S. 11 ff., Köhler a.a.O., S. 383 ff.) nicht weit von dem Dorf Danewerk belegen, besteht aus einem ursprünglich wohl quadratischen, pyramidenförmigen Hügel mit abgerundeten Ecken, der von einem Graben und einem Vorwall mit gleichfalls abgerundeten Ecken umgeben ist. Sie ist kleiner als der Woltersberg. Im Norden, Osten und Westen liegt das Werk frei, im Süden lehnt es sich jetzt an die Landwehr an, doch scheint es mir, nach der Form des Grundrisses auf der allerdings nicht sehr guten Planskizze, die dem Aufsatz von Handelmann beigegeben ist, wahrscheinlich, daß auch diese Seite ursprünglich frei lag und das Werk somit zum mindesten älter ist, als der anschließende Teil der Landwehr. Das Danewerk wurde, wie wir aus Einhards Lebensbeschreibung Karls d. Gr. Kap. 17 zu erfahren, von einem jütischen Kleinkönig Götrik im Jahre 808 zum Schutze gegen die fränkischen Heere errichtet. Später wiederholt geändert und erweitert, spielte es bekanntlich noch im Dänischen Kriege von 1864 eine kurze und ruhmlose Rolle. Es ist mehrfach untersucht worden, so in letzter Zeit von den dänischen Archäologen S. Müller und C. Reergard, aber seine Entstehungsgeschichte liegt noch sehr im Dunkeln. Insbesondere ist es nicht geklärt, ob die Thyraburg, die übrigens mit Thyra Danebod, der Gemahlin Gorm des Alten, nichts zu tun hat, zu dem Werk Götriks gehört oder in späterer Zeit entstanden ist. Die dänischen Forscher neigen zu der Ansicht, daß sie von Kaiser Otto II. nach Erstürmung des Danewerkes im Jahre 972 angelegt wurde. Thietmar von Merseburg berichtet, daß Otto damals eine Burg in jener Gegend erbauen ließ.

Mit anderen möchte ich persönlich vermuten, daß wir Ottos Burg in der Hohburg, welche etwas weiter östlich oberhalb der frühmittelalterlichen, an der Schlei liegenden Stadt Haitabu ihren Platz hat, zu suchen haben, die, die in ihrer Form eher in das letzte Drittel des 10. Jahrhunderts zu passen scheint als die Thyraburg. Letztere könnte dann noch dem ursprünglichen Werke Götriks angehören, und da dieses im Jahr entstand, so wäre damit auch der Woltersberg zeitlich ganz gut festgelegt, und zwar in einer Weise, die mit unserer vorhin geäußerten Vermutung über seine Entstehungszeit durchaus im Einklang ist. Aber solange freilich die Zeitfrage bei der Thyraburg nicht durch exakte Untersuchung genau geklärt ist, können wir sie für unseren Zweck zur Datierung nicht verwenden.

Der Kaninchenberg bei Pratzau (vergl. Handelmann a. a. O. S. 7 ff.) ist ein fast ein Rechteck bildender Hügel, um dessen oberen Rand sich ein Wall (= Wallmauer) hinzieht. Den Fuß des Hügels umschließt ein Wassergraben, dem ein niedriger Vorwall vorgelagert ist. An Größe scheint die Anlage etwa der Thyraburg zu entsprechen.

Die genannten französischen Burgen (vergl. Léo Drouyn: Ricochets archéologiques dans le Département de la Gironde. Bulletin monumental Bd.24 S. 473 ff., Köhler a. a. O. S. 382) sind sich in der Anlage sehr ähnlich und auch in der Größe, die, soweit sich das nach den vorliegenden kleinen Grundrissen feststellen läßt, der des Woltersberges etwa entspricht. Sie liegen erhöht auf einem Bergvorsprung, der auf zwei (butte de Charlemagne) oder drei Seiten (motte de Moulon) von Wasserläufe führenden Tälern begrenzt ist. Das Kernwerk besteht aus einem quadratischen, oder bei der "motte de Moulon" fast quadratischen Hügel mit, wie es scheint, etwa abgerundeten Ecken. Ihn umzieht ein 12 bis 15 Meter breiter Graben - dieser ist also breiter als in unserem Fall - dessen Aushub dazu benutzt ist, den mittleren Hügel zu erhöhen, analog dem Verfahren beim Woltersberg. Ein Vorwall am äußeren Grabenrand findet sich bei ihnen nur auf einer Seite, und zwar in einem Fall auf der, wo der Eingang gelegen hat. Ob nicht doch gegebenenfalls auch auf der anderen Seite Spuren eines Vorwalles bei genauer Beobachtung aufzufinden wären, muß dahingestellt bleiben; vorgeschichtliche Untersuchungen, die in der Kinderzeit dieser Wissenschaft durchgeführt wurden, zeichnen sich nicht immer durch große Exaktheit aus. Das "Château de Launey" ist insofern interessant, als es auf einer isoliert liegenden Felspartie angelegt ist. Da deren etwa eiförmige Oberfläche für die geplante Burg zu groß war, wurde nur die eine Hälfte dafür gebraucht. Die andere, und zwar merkwürdigerweise die höhere, blieb außerhalb des Berings, ein Beweis, daß man deren Benutzung zur Aufstellung von weittragenden Belagerungsmaschinen, die von dieser überhöhten Position aus das Innere des Platzes hätten bestreichen können, noch nicht zu fürchten hatte, daß man im wesentlichen nur mit Pfeil, Speer und Schleuder als Fernwaffen rechnete und ein Argument dafür, daß die Anlage relativ alt ist. Im hohen Mittelalter würde man nicht so verfahren sein. Es liegt übrigens im Bereich der Möglichkeit, daß auch dieser Teil mit einem jetzt verschwundenen Verhack umwehrt war. Der Grundriß der ganzen Anlage hat hier besondere Aehnlichkeit mit dem Woltersberge.

von der B210 2018
Die Stadtkulisse mit Woltersberg von der Bundesstraße gesehen, Juli 2018.
Ob das sogenannte "Château du Battant" zeitlich mit dieser drei anderen Burgen zusammengehört, ist nicht ausgemacht. Im Grundriß entspricht es ihnen in erheblichem Maße. Bemerkenswert ist es, daß diese dem Woltersberg analogen Burgen auch in den Größenmaßen eine auffällige Uebereinstimmung zeigen. Dürfen wir etwa daraus schließen, daß zu dem uns nicht bekannten Zweck, um dessent willen sie errichtet wurden, eine bestimmte Menge von Bewaffneten - etwa 100 Mann - für ausreichend erachtet wurde, daß wir in dieser Zahl eine Untereinheit der damaligen Heere, etwa der Hundertschaft des germanischen Volksaufgebotes entsprechend, zu sehen haben, wie der Römer in einem solchen Falle etwa eine Centurie und wir heute einen Zug eingesetzt haben würden, und daß die Befestigungen dieser Mannschaftszahl angepaßt würden, wie das beim römischen Castrum durchaus der Fall war? Unmöglich ist das nicht!

Leider geben aber alle diese Burgen so gar keinen Anhalt für die Datierung unserer Anlage. Daß die Thyraburg trotz erfolgter Untersuchung zeitlich nicht festgelegt ist, wurde schon erwähnt. Ob der Kaninchenberg inzwischen untersucht ist, weiß ich nicht, und ebenso ist es mir nicht bekannt, ob unsere guten Freunde im Westen etwa neuerdings den genannten Anlagen im Departement Gironde ihre Aufmerksamkeit zugewandt haben. Daß eine gründliche Untersuchung dort für uns von größter Wichtigkeit wäre, braucht nicht besonders betont zu werden. Vorläufig müssen wir damit zufrieden sein, daß wir überhaupt Parallelen für unseren Woltersberg gefunden haben, die wegen weitgehender Aehnlichkeit in annähernd gleiche Zeit zu setzen sein werden, und daß wir mehrfach eine bis dahin von der Fachwissenschaft in ihrer Sonderstellung nicht beachtete Burgform haben nachweisen können, die sich in der typologischen Entwicklungsreihe zwischen die älteren Rundwälle und die jüngeren Turmhügel einschiebt!

Von jenen französischen Burgen nehmen nun Drouyn, der Verfasser des genannten Aufsatzes in den Bulletins monumentals und nachdem Köhler in seinem zitierten Werke an, daß sie zu den Kastellen gehören, die von Karl d. Gr. zum Schutze seines Reiches gegen die Einfälle der Nordmänner angelegt wurden. Diese Vermutung lenkt unsere Aufmerksamkeit auf einen geschichtlichen Vorgang, der zum Verständnis der von uns behandelten Burg von besonderer Bedeutung werden kann.

In den letzten Regierungsjahren Karls begannen die Nordmänner, nicht nur Norweger und Schweden, sondern besonders auch Dänen, die Küsten des Reiches heftiger als je zuvor mit Ueberfällen heimzusuchen. Auf ihren schnellen Langschiffen fuhren sie die Flüsse weit hinauf, plünderten und raubten was sie bekommen konnten, und führten die Menschen als lebendige Handelsware in die Sklaverei. Besonders unter den schwachen Nachfolgern Karls wurden diese Einfälle zu einer Landplage, von deren Größe man sich nicht leicht eine Vorstellung machen kann. Im Bodenprofil chemischer Städte unterscheidet man direkt eine Schicht, die man als Normannenbrandschutt bezeichnet hat. An unseren heimischen Küsten scheinen sie weniger geheert zu haben - es war vermutlich dort nicht viel zu holen - aber die friesischen Gebiete an der Rheinmündung, den Mittellauf des Flusses und die reichen Gefilde Westfranciens suchten sie immer wieder auf und waren oftmals nur durch hohe Abgaben, die hauptsächlich aus dem reichen Gut der Kirchen bestritten werden mußten, zum Abzug zu bewegen. Nachdem dieses Treiben fast ein volles Jahrhundert gedauert, wurden sie von Arnulf von Kärnten 891 bei Löwen an der Dyle entscheidend geschlagen. Von da an scheinen ihre Einfälle allmählich aufgehört zu haben; ein Teil von ihnen wurde auf der nach ihnen Normandie genannten Halbinsel im westfränkischen Reiche seßhaft. - Der letzte Abschnitt der Völkerwanderungszeit geht zu Ende.

(Teil 6)

Schon Karl erfaßte die von ihnen drohende große Gefahr in vollem Umfange. Er, dessen mächtiger Arm das Frankenreich von der spanischen Mark und Mittelitaliens bis zur Eider im Norden und Elbe im Osten hatte zusammenschweißen können, er konnte sich dieser lästigen Feinde bei dem völligen Mangel an einer Reichsflotte nur schwer erwehren und organisierte deshalb mit energischer Hand einen "Reichsküstenschutz" und "Reichswasserschutz" gegen sie. Seine Maßnahmen schildert Einhard im 17. Kapitel seiner bekannten Lebensbeschreibung mit folgenden Worten, die ich hier in freier Uebertragung folgen lasse: "Er (Karl) brachte auch eine Flotte zum Kriege gegen die Normannen zusammen, nachdem er zu diesem Zweck an den Flüssen, die sich aus Gallien und Germanien in die Nordsee ergießen, Schiffe hatte erbauen lassen; und weil die Normannen in dauernden feindlichen Einfällen die Küsten Galliens und Germaniens verwüsteten, verteilte er an allen Häfen und Flußmündungen, die geeignet schienen, Schiffe aufzunehmen, Militärstationen und Wachtposten und verhinderte durch solche Maßnahmen, daß der Feind irgendwo an Land gehen konnte." Die fränkischen Reichsannalen (Lorscher Annalen) berichten ferner zum Jahre 800, daß Karl auf dem Meere wegen der normannischen Piraten eine Flotte einrichtet und Befestigungen (natürlich an der Küste) erbauen ließ. Unter Ludwig dem Frommen scheinen die Einrichtungen Karls in Verfall geraten zu sein. Wenigstens wissen die Annales Bertiniani zum Jahre 837 zu melden, auf einer Reichversammlung zu Nymwegen sei festgestellt worden, daß man den Nordmännern wegen des Ungehorsams der Friesen nicht den erforderlichen Widerstand habe leisten können. Maßnahmen gegen diesen Ungehorsam werden getroffen. Nach der Reichsteilung von 843 hören wir von dem Küstenschutz nichts mehr. -

Der Zugang über den Kröpelweg heute
Der Geesthügel, auf welchem sich unser Jever heute erhebt, ist vermutlich schon in vorgeschichtlicher Zeit besiedelt gewesen, was bei seiner der Siedlung günstigen Lage nicht weiter zu verwundern ist. Urnenfunde, die in der Nähe gemacht wurden und zur sogenannten Weserkeramik gehören, weisen etwa auf das 2. bis 4 Jahrhundert nach Christus. Daß der Platz schon damals eine gewisse Bedeutung im Handelsverkehr hatte, könnte man aus einem Funde von mehr als 5000 Römermünzen schließen, die im Jahre 1850 bei dem Sophienstift an das Licht des Tages kamen und alle vor dem Jahre 160 n. Chr. geprägt waren. Sie fanden sich im Klumpen beieinander, was auf eine ehemalige Verpackung in Beuteln hinweist, und werden auf einer Handelsfahrt in den Boden gekommen sein. Antike Münzen sollen nach Riemann (Tide 1920/21 Heft 3) auch sonst im Orte ausgegraben sein. Unmöglich wäre es unter diesen Umständen nicht, daß auch das römische Kastell an der Wesermündung , von dem Florus IV. 12 berichtet, und dessen Besatzung nach Tacitus Annalen I. 38bei der großen Empörung des Jahres 14 v. C. meuterte, in der Nähe dieses mutmaßlichen Handelsplatzes gelegen hätte. Irgendwelche Spuren davon sind freilich nicht nachgewiesen. In der Nähe der Stadt gefundenen Urnen von sächsischem Typ, die sich wie die eben erwähnten in der Sammlung des Altertumsvereins befinden, gehören schon mehr der Völkerwanderungszeit an, in welche auch wahrscheinlich ein Schwert und ein Schildbuckel zu setzen sind, die auf der Südergast gefunden wurden. Ob ein schwerer Goldring mit Zellenschmelzverzierung, der im Landesmuseum in Oldenburg aufbewahrt wird, zu letzterem Funde gehört, ist nicht ausgemacht. Sagen auch diese Fundstücke dem Laien nicht eben viel, der Historiker erfühlt doch, zumal wenn man berücksichtigt, daß unser Oldenburger Land an vorgeschichtlichen Funden aus nachchristlicher Zeit nicht eben reich ist, daß während dieser ganzen Zeitspanne in Jever etwas "los" gewesen ist, mehr jedenfalls als an den meisten anderen Stellen unseres Landes, wo solche Funde fehlen.

Im Mittelalter, wenn nicht in noch früherer Zeit, war Jever der Vorort des Gaues Oestringen. Seine Kirche hatte später einen Vorrang vor den anderen im Gau; sie wird als älteste eher als die anderen am Hauptort des Bezirkes errichtet sein. Dort befand sich auch eine Münze, die, wie schon erwähnt, im 11. Jahrhundert in den Händen der Billunger war. Wenn irgend etwas, so ist es gerade diese Tatsache, die auf die Bedeutung Jevers als Vorort und Handelsplatz in dieser Zeit ein besonderes Licht fallen läßt. Ist es ferner richtig, daß wir in der Burg auf dem Dannhalm, dessen Namen wir lieber nicht als Dünenhalm erklären wollen, sondern von dem Wort "Tanne" ableiten möchten (vergl. Dangast = Tannengeest) eine Herrenburg des Vogtes oder Amtsvertreters, den die Billunger sicher in Jever gehabt haben werden, zu erkennen haben, so bildet auch das ein Glied in dieser Kette. Fassen wir alles das zusammen, so scheint es nicht außer dem Bereich der Möglichkeit zu liegen, daß Jevers Name an der ganzen Nordseeküste soweit bekannt war und einen so guten Klang hatte, daß es seine poetische Fixierung in unserem Nordseesagenkreis, in der Kudrun, fand. Givers, die Burg Horands des Sängers, kann sprachgesetzlich wohl unser heutiges Jever sein.

Diese Bedeutung, die Jever im Mittelalter und, wie wir aus der Stabilität der bestimmenden Faktoren folgern dürfen, auch in früheren Jahrhunderten gehabt hat, kann nur in seiner geographisch bedingten Stellung als Umschlagplatz zwischen Land- und Seehandel begründet gewesen sein. Es war der Endpunkt jener Handelsstraße, die von Bremen über Stedingen an Oldenburg vorbei sich gabelnd nach Jever und ins Harlingerland führte, und die, eben weil ihre Linienführung durch die Bodenverhältnisse bedingt ist, viel älter sein muß, als sich das quellenmäßig nachweisen läßt. Der Verkehr auf ihr war auf der Strecke zwischen Dringenburg und Almersee durch den palus Waplinga, das Sumpfgebiet der Wapel, außerordentlich erschwert und hohe Solspannungen wirtschaftlicher Natur müssen es schon gewesen sein, die hier ihren Ausgleich suchten mittels eines Warenaustausches, der, was Friesland betrifft, in erster Linie von Jever bestritten sein wird, weil dem Harlingerland ein wirtschaftlicher Mittelpunkt fehlte. Die Handelsbedeutung, die wir hieraus für Jever erschließen dürfen, ist aber durch seine Lage am Endpunkt einer Straße noch nicht allein bedingt, der Handel muß weiter gegangen sein, und da das Hinterland in unserem Falle fehlt, kann er eine Fortsetzung nur zur See gefunden haben. Mit anderen Worten, Jever muß nicht nur Handelsplatz, sondern auch ein Hafen gewesen sein, der die Umladung vom Kaufmannswagen zum Handelsschiff erlaubte, und gewichtige Gründe sprechen dann auch dafür, daß an der Stelle des heutigen Hookstiefs sich im früheren Mittelalter eine offene Seebalge bis an den Geesthügel, auf dem die Stadt liegt, heranzog. Sie mag den nicht großen Schiffen jener Zeiten einen guten Liegeplatz geboten haben, den befreundeten - aber auch den Lanschiffen der Wikinger, die mit einer Raubfahrt unsere Küsten heimsuchten und für deren Begehrlichkeit der blühende Handelsort wohl anziehend sein mochte. Und nun kommt das Interessante! Ihrer ganzen Lage nach ist die Burg auf dem Woltersberg gegen einen von Norden kommenden Feind gerichtet; sie sperrt gleichzeitig den Zugang nach Jever sowohl zu Lande auf der Wasserstraße wie auch zu Wasser auf jener Seebalge. Und dann denken wir wieder an jene Küstenbefestigungen, welche Karl d. Gr. zum Schutze der Häfen gegen die Normannen errichtete, und folgern: Ist unsere Annahme, daß der Woltersberg eine karolingische Anlage aus dem Anfang des 9. Jahrhunderts ist, richtig, so wird er ein Glied bilden in jenem System von Küstenbefestigungen! Sein Dasein, seine Lage und seine Bedeutung werden uns verständlich durch Markt und Hafen Jever!

(Teil 7)

Von hier aus läßt sich dann auch seine in unserer Gegend einzig dastehende Form und die weitgehende Analogie im Grundriß und Ausmassen mit den französischen Anlagen verstehen. Wohl kennt das deutsche Reich des Mittelalters Reichsburgen, aber nach einem einheitlichen Schema waren sie nicht angelegt, weil sie meist nicht von dem obersten Lehnherrn, dem König, selbst, sondern in seinem Auftrage von einem Lehnsträger errichtet wurden, der sie entsprechend seinem persönlichen Geschmack und seinen fortifikatorischen Kenntnissen ausgestaltete. Buntscheckig wie das Bild des Lehnsheeres ist auch das der mittelalterlichen Wehrbauten. Ein einheitliches Befestigungsschema dürfen wir nur in einer Zeit straffer, militärischer Organisation erwarten, und wenn man von einer solchen im Mittelalter überhaupt sprechen kann, so finden wir sie im Heerwesen Karls d. Gr. durchgeführt. Ein Beispiel dafür ist jene Errichtung eines einheitlichen Reichsküstenschutzes durch ihn, von dem vorhin die Rede war; eine straffe Form des militärischen Aufgebotes in Friesland ordnet ein Aachener Kapitular vom Jahre 807 (M. G. H. Leg. Sect. II Nr. 49) an. Für diese Zeit ist es daher durchaus denkbar, daß man die zum Küstenschutz erforderlichen Befestigungen möglichst nach einem Plane errichtete. Der Mann, der den Woltersberg zur Burg formte, kann ein Franke gewesen sein, der das ihm vom Boden Galliens her vertraute, "moderne" und offizielle Schema nach unseren fernen Küsten verpflanzte, ohne daß es bei der einheimischen Bevölkerung Schule gemacht hätte. -

Bericht zum 19. Symposium der AG für Sachsenforschung in Wilhelmshaven 1968

Aber alles das bleibt Hypothese, so einleuchtend es auch scheinen mag, wenn nicht exakte Ausgrabung den Beweis für die Richtigkeit unserer Annahme erbracht hat. Auf dem Woltersberg den Spaten anzusetzen erscheint mir mit die wichtigste archäologische Aufgabe, die unserer in nächster Zeit im Oldenburger Land harrt. Haben wir Glück und wird unsere Vermutung durch zeitlich bestimmbare, eindeutige Funde bestätigt, dann haben wir der Wissenschaft einen nicht zu unterschätzenden Dienst erwiesen. Wir haben dann zum ersten Mal bewußt ein Stück aus jenem Befestigungssystem aufgedeckt. Von Woltersberg aus kann die historische Wissenschaft zur weiteren Erkennung und Freilegung entsprechender Anlagen an anderen Orten fortschreiten und damit neues Material sammeln zur Vervollständigung des Bildes, daß sie von jener Großzeit im Werdegang unseres Volkes zu zeichnen sich bemüht!

Finden wir aber unsere Vermutung nicht bestätigt, - dann wollen wir uns keine grauen Haare darüber wachsen lassen, daß der Versuch, die in diesem Falle besonders undeutlichen und verworrenen Schriftzüge im Buche der Vorzeit zu einem sinnvollen Gefüge zusammenzusetzen, mißlang; wir waren uns ja von vornherein unseres Wagnisses voll bewußt. Wer Neuland urbar machen will, darf Fehlschläge nicht scheuen - und auch der Irrtum kann sich auswirken in einer Förderung wissenschaftlicher Erkenntnis!

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Quellen:

Nachrichten für Stadt und Land, Oldenburg, Ausgaben vom 27.09.1926 , 28.09.1926, 29.09.1926, 02.10.1026, 03.10.1926, 05.10.1926 uns 06.10.1926.
Günter Müller: 293 Burgen und Schlösser im Raum Oldenburg-Ostfriesland. (1977/80) mit 2 Ergänzungsbänden
Ausstellung in der "Burg" Arkenstede des Museumsdorfes Cloppenburg: Ringwall und Burg in der Ärchäologie West-Niedersachsens. Juni bis Oktober 1971
Historienkalender auf das Jahr 1975: Foto vom Woltersberg (Tuhy), S. 71
G. Sello, Östringen und Rüstringen. 1928, S. 265
Jeversches Wochenblatt vom 6.5.1968 oder später: Prähistoriker informierten sich auf dem "Woltersberg" (19. Symposium der AG für Sachsenforschung)

siehe auch:
Friesische Heimat, 02. Mai 1953: Jever war im Mittelalter Seehafen
Historienkalender auf das Jahr 1964: Die Burg der Östringer im Jahre 1149, Seite 19
Nordwestzeitung vom 20. Januar 2012: (NWZ vom 21.01.2012) Altem Hafen auf der Spur.

mit vielen Hinweisen von Wilke Krüger
Fotos, Scans und Aufbereitung soweit nicht anders gekennzeichnet durch V. Bleck. Bildrechte ansonsten beim Schlossmuseum Jever (hist. Bilder und Karte), dem LGLN (TK25), Stadt Jever (Luftaufnahmen).

V. Bleck, Mai 2018