Die Auswirkungen eines Vulkanausbruchs in Indonesien

auf das Jeverland vor 200 Jahren

Am 10. und 11. April 1815 brach östlich von Java auf einer kleinen Insel der Vulkan Tambora aus. 70000 Menschen starben im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Ausbruch. Außerdem gelangten riesige Mengen Asche in die oberen Luftschichten und verteilten sich rund um den Globus. Diese Partikel reflektierten das einfallende Sonnenlicht und verursachten 1816 in Mittel- und Westeuropa, aber auch in anderen Teilen der Welt, das „Jahr ohne Sommer“, auch „Achtzehnhundertunderfroren“ genannt. Es gab Missernten durch Kälte, Unwetter und Dauerregen. Hungersnöte waren die Folge in den noch von den napoleonischen Kriegen ausgelaugten Ländern. Die Sommertemperatur ging etwa um zwei Grad zurück. Durch die verursachten Wetteränderungen starben in Europa weitere 200.000 Menschen.
Die Ursache für die schlechte Witterung in den Jahren 1816 und 1817 und der bis in das Jahr 1819 reichenden Abkühlung war in Europa unbekannt. Viele Menschen sahen sie als eine Strafe Gottes. Erst über hundert Jahre später gab es eine wissenschaftliche Theorie über den Ursprung dieser Katastrophe.

Die erste Erwähnung im „Jeverschen Wochenblatt“ war am 29. Juli 1816, 15 Monate nach dem Ausbruch. Der Magistrat der Stadt Jever warnt vor der Selbstentzündung des nicht „gehörig trocken eingefahrenen“ Heues. Die Einwohner werden „zur Vermeidung von Feuersbrünsten ... angewiesen, in dem Heu sogenannte Schornsteine oder Dunstgänge anzulegen, welche mittels eines Korbes oder durch lange Pfähle mit Latten verbunden, auch durch Unterlage von Busch oder Holzwerk, um den Luftzug zu befördern, gemacht werden.“ Auf Erhitzung und verdächtigen Geruch sei täglich acht zu geben. Als Heubelüftungen waren solche später weiter entwickelten Anlagen noch bis in die 1970er Jahre in Gebrauch.

Am 12. August 1816 gab die Regierung in Oldenburg der Bevölkerung weitere Vorsichtsmaßregeln, „um den üblen Folgen möglichst zu begegnen, welche die regnerische Witterung bey der Heuernte nach sich ziehen könnte.“ Heu soll so viel wie möglich vorher trocknen, ehe es in die Scheunen gebracht wird. Falls das Heu über den Viehställen aufgeschichtet wird, sollen die vom Vieh aufsteigenden schädlichen Dünste aus dem Stalle heraus geleitet werden. Auf den Grad der Hitze im Heu soll sorgfältig geachtet werden. „Durch Hineinstecken einer eisernen Stange in die großen Heuhaufen könne dieser untersucht werden, wenn die Hitze zu stark befunden wird, trage man den Haufen ab.“ Auch dies eine Technik, die noch heute mit einer Heusonde, einem Thermometer, angewandt wird, um früh genug eine evtl. Selbstentzündung des Heus durch Gärung zu erkennen.

„Auch das Klopfen und Auseinanderschütteln des Heues ist zu empfehlen, weil dadurch die fremdartigen schlammigen Stoffe abgesondert werden. Ganz vorzüglich versäume man aber nicht das Einsalzen des Heues. Es gibt kein besseres Mittel das feuchte Heu für alles Vieh, namentlich für Pferde und Rindvieh unschädlich zu machen, als es mit Salz zu bestreuen oder mit Salzwasser zu besprengen, wodurch selbst die sauern und groben Säfte der schlechten Grasarten ungemein verbessert und die Krankheiten des Viehes verhütet werden. Sehr heilsam, besonders für das auf nassen Weiden grasende Vieh, ist es, wenn man demselben täglich eine Portion Küchensalz, etwa ein oder zwei Eßlöffel voll, reicht. Man scheue diesen Aufwand nicht, da er durch das bessere Gedeihen des Viehes und selbst durch die größere Menge von Milch reichlich ersetzt wird, und insbesondere dem Milzbrand, der beym Vieh so leicht nach dem Genuß des feuchten Heues und des nassen Grases entsteht, vorbeugt.“ Auch in der modernen Landwirtschaft werden den Kühen Mineralsalze zugefüttert.

Des Weiteren wird eine Vermischung des gereinigten und gesalzenen Heus mit gesundem Stroh, Rüben, gelben Wurzeln und Kartoffeln vorgeschlagen, um „die im Heu enthaltenen schädlichen Stoffe einzuwickeln und unschädlich zu machen.“
„Die Regierung ... erwartet von den Ämtern, Predigern und Kirchspielvögten, daß sie die Eingesessenen zur größten Vorsicht und Aufmerksamkeit anhalten, und vorzüglich durch ihr gutes Beyspiel zur Nacheiferung aufmuntern werden.“
Natürlich bleibt die Frage, ob die Menschen in dieser schlechten Zeit nicht eher die Kartoffeln, Rüben und Wurzeln selbst gegessen haben, als sie dem Vieh zu geben.

In der 36. Ausgabe des Wochenblattes vom 2. September 1816 wird eine weitere Anweisung der Oldenburger Regierung zum „Gebrauch des nicht reif gewordenen, feuchten, ausgewachsenem, oder mit Mutterkorn vermischten Getraides“ an die Eingesessenen gegeben (ausgewachsen = Getreidekörner keimen schon auf dem Halm. Mutterkorn =Pilz auf dem Getreide, der eine harte, kornähnliche Form angenommen hat und dessen Gift Atemlähmungen und Kreislaufversagen verursacht). Mit „Getraide“ war der fürs Brotbacken und vor allem für die ärmere Bevölkerung so wichtige Roggen gemeint.
„Ehe der Rocken zur Mühle gebracht wird, muß er wohl getrocknet werden, welches in den Backöfen, wenn sie nach dem Backen noch warm sind, und auf Malz= oder anderen Darren ohne große Kosten, auch bei kleineren Quantitäten in Mulden an der Sonne und in der Luft geschehen kann.
Auf den Böden muß der Rocken so dünne als möglich ausgebreitet und häufig geworfen, umgestochen und gelüftet werden.
Wenn sich Mutterkorn zwischen dem Rocken befindet, so muß dieser sorgfältig davon gereinigt werden, da die Erfahrung lehrt, daß der Genuß desselben die gefährlichsten Folgen für die Gesundheit nach sich ziehen kann. Dieses Reinigen geschieht durch das Worfeln gegen den Wind, durch das Sieben und Raspen und durch das Waschen des Getreides.“
(Die Worfel ist ein flacher Korb, mit dem das Getreide aufgenommen und in die Luft geworfen wird, der Wind trennt dann die Spreu vom Weizen bzw. Roggen. Raspen, von Rispe, wahrscheinlich Trennung von Korn und Spelze.) Wieso das Getreide gewaschen werden sollte, bleibt ein Geheimnis der Oldenburger Obrigkeit.

Des Weiteren wird vorgeschlagen, guten Roggen mit schlechtem zu mischen, einen scharfen Sauerteig aus gutem Mehl, mehr Salz und weniger Wasser zu verwenden, sowie als evtl. Zusatz „Bierhefen, ein wenig Pottasche oder etwas Brantwein, noch besser aber ein wenig Kümmel. Der Ofen sollte in der ersten Zeit nicht zu stark geheitzt seyn, gegen das Ende aber stärker.“
Die Müller waren verpflichtet, „kein ungereinigtes oder nicht gehörig getrocknetes Getraide zum Vermahlen anzunehmen.“ Bei Zuwiderhandlungen wurde das Getreide zum Besten der Armen konfisziert.

Verbot der Kartoffelausfuhr. JW Nr. 45 vom 4. November 1816

Gegen vielleicht landläufige Vorstellungen über die damalige Zeit erschien folgende Anzeige am 10. Februar 1817: „Da das Getreide zu einem so hohen und drückenden Preise für die ärmere Classe gestiegen ist; so hat sich die Herzogliche Regierung veranlasset gefunden, dem Amte aufzugeben, diejenigen Amts=Eingesessenen, welche Rockenvorräthe besitzen, insbesondere die Müller und Branteweinbrenner, aufzufordern, den Dürftigen Gelegenheit zu geben, den Rocken scheffelweise und zu einem billigen Preise bey ihnen ankaufen zu können.“ (1 Scheffel = etwa 30 Liter)

„Das Amt fordert daher jene Amtseingesessenen dazu hiermit auf, unter Verwarnung, daß wider solche welche dieser Aufforderung nicht nachkommen, und den Verkauf des Rockens bey kleinen Quantitäten verweigern würden, strengere Maßregeln werden ergriffen werden, daß insbesondere Brantweinbrennern das Brennen bis auf weiter untersagt, und die Blasen werden versiegelt werden; wogegen derjenigen, welche sich in dieser Hinsicht auszeichnen und ihren Miteingesessenen zu Hülfe kommen werden, rühmlichst wird gedacht werden.“ (Brennblase = Kupferkessel zur Destillation)

Dann, am 28. Juli 1817, gab es eine erste Besserung im Wochenblatt zu lesen: „Da bey den gesunkenen Preisen der Feldfrüchte und der erfreulichen Aussicht auf eine gesegnete Erndte, die Veranlassung zu dem, unter dem 26ten Oktober vorigen Jahrs erlassenen Verbote der Kartoffel=Ausfuhr in die angrenzenden Provinzen benachbarter Länder nicht mehr dringend scheint, so findet die Regierung, mit Höchster Genehmigung, sich veranlaßt, jenes bisher bestandene Verbot hierdurch wiederum aufzuheben und die freye Ausfuhr dieser Früchte zu gestatten, wonach sich die sämmtlichen Grenz= und Zollbehörden im hiesigen Lande, bey vorkommenden Fällen, zu richten haben.“
Doch schon am 22. September 1817 erschien folgende „Notification“:

An der „Jeverischen Brod=Taxe“, die im Wochenblatt unregelmäßig veröffentlicht wurde, ist zu sehen, dass Brot im Jahr 1817 verglichen mit dem Sommer 1815 doppelt so teuer geworden war. Der zu zahlende Preis für ein Brot war 1815 wie auch 1817 derselbe, acht Grote. Das Gewicht des Brotes halbierte sich jedoch von knapp fünf Pfund auf zweieinhalb Pfund.

Ein Vergleich der Verstorbenen im Jeverland in den Jahren 1814 bis 1817 zeigt keine größeren Abweichungen als in den Jahren davor. In Süddeutschland dagegen hatte die Klimakatastrophe weit schlimmere Folgen. Viele Menschen verhungerten. Es war die schlimmste Hungersnot im 19. Jahrhundert. Aber die allgemeine Not führte auch zu neuen Ideen, die Produktivität der Landwirtschaft zu steigern: landwirtschaftliche Lehranstalten, Mineraldüngung, verbesserte Ackergeräte.
Und in der düsteren Schweiz, die besonders von den langen Regentagen betroffen war, schrieb die Schriftstellerin Mary Shelly den Roman „Frankenstein“.

Klaus Liebs, Mai 2019

Quellen:
Jeverische wöchentliche Anzeigen und Nachrichten (Vorgängerin des Wochenblattes), Sammlung im Schlossmuseum Jever
kruenitz1.uni-trier.de,
Wikipedia.