Stadtplan von Jever - etwa 1968


Junge Vergangenheit

Ein Stadtplan von Jever. Auf vergilbtem Papier, aber eigentlich nicht historisch. Keine Angabe über das Erscheinungsdatum. Vielleicht  40 Jahre alt? Eigentlich nichts Besonderes, denn der Verlag, der diesen Stadtplan herausgab, existiert noch und gibt solch einen Stadtplan heute immer noch heraus. Aktuell in der 18. Auflage - und immer noch nicht mit der Angabe des Erscheinungsdatums. Aber diese neuesten Stadtpläne sind genau. Das kann ich behaupten, denn ich arbeite dem Verlag, dem Städte-Verlag, seit mehreren jüngeren Auflagen von Dienstes wegen zu. Aktualität und Genauigkeit sind mein Anspruch. Damit ist der Plan u.a. "nach amtlichen Unterlagen" erstellt. Er ist im Buchhandel und anderswo zu kaufen.

Um so interessanter ist ein Vergleich der vergilbten Ausgabe mit dem aktuellen Stand. Rein äußerlich zeigt sich eine Gemeinsamkeit wie die Innenstadtvergrößerung im Maßstab 1:5000. Auch das Design - Signaturen von Straßen, Bebauung und Grünflächen - ist  sehr ähnlich geblieben. Gemeinsam ist auch, dass die Rückseite des Planes ungenutzt ist. Die auffälligsten Unterschiede gegenüber der älteren Ausführung sind die den Plan einrahmende Werbung und damit die Ausmaße des Papieres ( alt: 45 x 70 cm, neu: 78 x 99 cm). Diese Größe findet aber auch ihren Grund darin, dass das Stadtgebiet von Jever mittlerweile größer geworden ist. Seit 1972 gehört die ehemalige Landgemeinde Cleverns-Sandel mit zu der Stadt. Damit hat sich das Stadtgebiet fast genau verdoppelt (Gemarkung Sandel: 10,5 km², Gemarkung Cleverns: 10,9 km², Gemarkung Jever: 20,7 km²). Das Straßenregister zeigt für früher 155 Namen und 86 andere Hinweise auf Institutionen, der neueste Plan führt 384 Straßennamen und Wohnplätze auf, zusätzlich 86 Institutionen. Der Maßstab der älteren Karte beträgt 1:12500, der der letzten Ausgabe 1:15000. Wenn die Werbung fehlen würde, wäre der Plan handlicher, aber sicherlich nicht so preiswert.

Apropos Werbung: so ganz werbungsfrei ist die alte Ausgabe doch nicht. In der Wittmunder Straße findet sich das runde VW-Symbol, das auf die dort vorhandene Fachwerkstatt Schütz hinweist (heute Tankstelle Henn und Textil-Kik). Die verschiedenen Geldinstitute (Raiffeisen-Bank, Landessparkasse, Deutsche Bank, Oldenburgische Landesbank) sowie die AOK, ein Notariat und ein Reisebüro sind in der Signatur den behördlichen Gebäuden gleichgestellt. Das macht man heute nicht mehr.

Erst bei genauer Betrachtung fällt auf, dass das Stadtgebiet doch nicht so ganz der heutigen Gemarkung Jever entspricht. Der Gebietszipfel, in dem sich heute die Hofstellen Kattens und Sorgenfrei befinden - bis hin zu den beiden neuen Windkraftanlagen nahe des Crildumer Tiefs  - war noch Teil der Gemeinde Waddewarden (0,6 km²). Dieser Teil wurde durch einen Grenzänderungsvertrag zwischen den Gemeinden Jever und Waddewarden ab dem 1. Januar 1971 Stadtgebiet. Der Außenbereich, die freie Landschaft mit dem Marschen- und Moorgrünland bzw. Äckern, ist nur sehr spärlich dargestellt. Eine Differenzierung, wie es heute bei einer  "Freizeitkarte" mit "Freizeit-Tipps" erwartet wird, spielte damals wohl keine Rolle. Einzig die großen Wälder wie der Upjever Forst und Moorhauser Wald sind im Außenbereich an Kartenrand angedeutet. Ansonsten besteht der Außenbereich aus den Tiefs und größeren Gräben sowie Straßen und Wegen zu einzelnen Gehöften. Diese Wege sind aber aber nur selten mit Namen versehen.

Betrachten wir den Siedlungsbereich, so ist interessant, welche Baugebiete insbesondere des Stadtrandes gegenüber heute noch gar nicht vorhanden waren. Nördlich des Hookstiefes und östlich des Kleinen Moorwarfer Tiefs auf dem weichen Kleiboden sowie Richtung Moorland auf dem Torf befindet sich noch keine Bebauung, der Ochsenhammsweg endet noch inmitten von Wiesen: Die naturräumlichen Grenzen wurden bei der Bebauung weitgehend noch eingehalten. Einzig die Kläranlage am Tettenser Tief ist schon aufgeführt, noch ohne zuführende Straße. Beide Bauten wurde erst im Laufe des Jahres 1969 begonnen. Rahrdum - hier gehörte nur der östlich der Rahrdumer Straße befindliche Teil zur Stadt Jever - war noch eine Streusiedlung an wenigen Wegen. Moorwarfen allerdings passt mit seinen bebauten Bereichen so gar nicht in in das heute bekannte Bild. Doch dazu später.

Im Innenbereich der alten Kernstadt Jever können wir die Standorte einiger Institutionen an völlig anderen Orten als heute feststellen: Die Wasser- und Bodenverbände befinden sich im Hause Elisabethufer 9 - heute ein Hotel. Die Polizei hat ihre Station im Karl-Jaspers-Haus, welches am Schlosserplatz heute Ärztehaus ist. Die Landessparkasse residiert in der Albanistraße mit einer Zweigstelle an der Bahnhofsstraße gegenüber der Einmündung Dannhalmsweg. Die Raiffeisenbank hat neben dem heutigen Standort am Schloss (Volksbank) noch eine Nebenstelle in der Störtebeker Straße (heute BBS). Die Deutsche Bank ist alleiniger Platzhirsch am Alten Markt ("Erb" - heute befindet sich dort nur noch ein Bankautomat). Das Gesundheitsamt ist Teil des Kreishauses, das Finanzamt findet sich im heutigen Hof zu Oldenburg. Die landwirtschaftliche Halle am Ochsenhammsweg steht noch (abgebrannt September 1988), die Mooshütte ist mit Eigennamen angegeben. Die Katholische Schule befindet sich an der Anton-Günther-Straße, an der Ecke Bismarckstraße Mooshütter Weg ist das Jugendheim und die Jugendherberge (ehemalige Bleekerschule).

Erst bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass einige Straßenzüge anders verlaufen als heute, vielleicht auch nie so verwirklicht worden sind. Denn fast nur mit Lupe zu erkennen ist, dass einige Signaturen gestrichelt dargestellt worden sind - eine Methode, die über in Planung bzw. im Bau befindliche Infrastruktur Nachricht geben soll. Mit solchen Visionen wurde in diesem Stadtplan nicht gespart. Übrigens wird das auch heute noch so gemacht - eigentlich überflüsssig, da die Neuauflagen in immer kürzere Zeitabständen erfolgen. Aber offensichtlich gehört dieses zur "Stadtwerbung" dazu. So finden sich auch in den aktuellen Auflagen der letzten 10 Jahren solche geplanten Bereiche im Stadtbereich Jever: Das Neubauviertel Gleisdreieck (Normannenviertel) ist bisher nur zu einem Drittel bebaut, die übrige Planung einschließlich der dortigen Straßennamen ist aber seit mehreren Auflagen eingezeichnet. Ähnliches gilt auch für die Erweiterung im nördlichen Bereich von Moorwarfen. Die Verwaltungsspitze damals wollte das so. Dieses zeige "die Dynamik einer sich entwickelnden Stadt".

Da finden wir in der alten Ausgabe den westlichen Teil des Dannhalmsweges in Planung (verwirklicht), eine Anbindung der Stettiner Straße beim Buskohl an die Schützenhofstraße sowie einen Straßenzug zwischen der Stettiner Straße und der Schützenhofstraße (beides nicht verwirklicht). Die Verbindung zwischen der Kiebitzstraße und der Berliner Straße wurde nie verwirklicht, ebenso nicht die Anbindung der Berliner Straße an die Schützenhofstraße. Die heutige Katharinenstraße ist angedeutet (verwirklicht), die Verbindung zwischen dem Grashausweg und dem Mühlenweg ebenso (heute Alexanderstraße, aber mit Sperrung in der Mitte verwirklicht), eine Siedlung auf der Wiese zwischen Augustenstraße und Kleinem Moorwarfer Tief existiert bis heute nicht. Die Straße der heutigen Theodor-Eilers-Straße wurde verwirklicht  - wenn auch erst 1990. Der gesamte jetzige Straßenzug Siabbenmoor zwischen der Schützenhofstraße und dem Bahnhofsweg ist in Planung, genauso die heutige Wittenberger Straße (beide verwirklicht). Nicht einmal als Planung sondern "als Fakt" eingetragen ist eine Straße zwischen dem Oestringer Weg und dem Friesenweg, welche nie entstand - einzig der kurze Butjadinger Weg könnte Teil dieser Absicht sein. Nicht angedeutet ist die Verbindung zwischen dem Grashausweg und der Kaakstraße (heute auch Kostverloren, erst 1984 verwirklicht). Stattdessen gewinnt man den Eindruck, dass eine östlich der Mühlenstraße verlaufende Parallele über die Augustenstraße und die Siedlung Herrengarten nach Norden an den Grashausweg die damalige Bundesstraße entlasten soll. Der Bereich der heutigen Leipziger Straße wurde anders geplant. So wie heute sich die Straßenschleife der Jenaerstraße ohne die Sackgasse darstellt, sollten weitere zwei Schleifen nördlich davon gebaut werden: es ist anders gekommen.

Den Namen Leipziger Straße gibt es im Plan noch nicht. Statt dessen wird sowohl die Verlängerung der Anton-Reling-Straße wie auch die der Berliner Straße ab den Einmündungen der Memeler Straße als Auf dem Hochhamm bezeichnet. Laut Friedrich Orth wurde der heutige Name 1969 vergeben.
Auch zu anderen Straßennamen auf dem Plan gibt es einiges zu sagen: Der heutige Moorweg wird im Plan als Siabbenmoor bezeichnet. Der Weg endet blind im Moorland. Der Weinhausgang wird als Weinhausstraße geführt. Der Padd zwischen der Prinzenallee und dem Kreishaus heißt hier Landrat-Johann-Albers-Weg. Laut Friedrich Orth wurde dieser Name 1968 beschlossen. Auf den Schildern wurde das Wort Landrat allerdings weggelassen. Das könnte man heute korrigieren. Die kleine Bahnhofstraße führt bis vor den Bahnhof (heute Teil der Schlosserstraße). Die Erschließung der Hinterhöfe von Schlacht- und Kaakstraße sowie Neuer Straße erfolgt über den Grünen Weg. Im Zuge des Zusammenschlusses mit der Gemeinde Cleverns-Sandel 1972 wurde dieser Name in Grüner Garten umgewandelt, da es bereits in Cleverns eine Straße gleichen Namens gibt. Aus gleichem Grunde wurde der Birkenweg in Moorwarfen in den heutigen Erlenweg umbenannt. Ganz kurios aber ist ein Straßenname: der heutige Stadlander Weg entstand laut Friedrich Orth 1977. In dem hier betrachteten Stadtplan aber existiert er bereits und führt den Namen Schrägstraße. Das ist angesichts des sonst überwiegend im Ost-West sowie Nord-Süd verlaufenden Raster des Südergastviertels verständlich - dennoch ist mir bisher dieser Name noch nie an anderer Stelle untergekommen (siehe Straßen ändern ihre Namen).

Eine besondere Beachtung in dem Stadtplan muss der Bereich Moorwarfen-Siebetshaus finden. Hier treibt die Planungsfantasie Blüten. In großen Schleifen verlaufen Schwalbenweg und Lerchenweg und verbinden die heute als Sackgassen verwirklichten kleinen Straßen wie Finken- und Amselweg. Heute beginnt der Starenweg als kurze Sackgasse unmittelbar neben der Bundesstraße statt des Schwalbenweges. Aber: Mit den heutigen Ausbauten könnte der geplante große Wurf weitgehend doch noch umgesetzt werden. Gegenüber einer Wohnbauverdichtung bis unmittelbar an die Eisenbahn erfolgte in jüngster Zeit mit dem Baugebiet Kleiberring eine Ausweitung der Wohnbebauung nach Norden - heute ist bei Wohnbebauung ein Abstand zu Gleisen aus Gründen des Lärmschutzes erforderlich.
Südlich der Bahn hat man Häuser am Moorwarfer Gastweg, am Drosselweg und einigen weiteren geplanten Straßen eingezeichnet, die es nie gegeben hat. In den zusätzlich projektierten Straßenzügen nördlich der Jeverschen Straße von Schortens sowie nördlich des Drosselweg hat man auf diese stereotypen Häuserreihen verzichtet.

Diese "Planung" greift sehr weit in die Zukunft. Heute, über 40 Jahre später, ist solch ein Zuwachs an Baugelände hier unwahrscheinlich. Die Stadtplanung hat sich anders entschieden: die Baugebiete am Woltersberg und Siabbenmoor, die Verdichtung auf beiden Seiten der Rahrdumer Straße, Voßland sowie die Bereiche Vieth- und Karl-Peters-Straße wurden in den nächsten Jahren seit Erscheinen dieses Stadtplanes vorgezogen. Seit 1990 kommen die Baugebiete Normannenviertel, Klein Grashaus, Georg-von-der-Vring-Straße dazu sowie eine Verdichtung besonders im Bereich der Südergast. Stadtkernnahe Wohnungen, kurze Wege sowie weniger Landschaftsverbrauch sind heute angesagt. Moorwarfen muss noch warten - siehe die "Planung" in der 18. Stadtplanauflage.
Verwunderlich für mich an dieser Darstellung aber ist, dass ich solche Planungen bisher nirgendwo in anderen Entwürfen der Kartenschränke der Stadt gesehen habe. Da ist dann die Aussage "Herausgegeben nach amtlichen Unterlagen" zu hinterfragen. Solche Phantasien können nicht dem Kartenverlag zugeschrieben werden und auch nicht einem Katasteramt. Die können eigentlich nur durch "Korrektur" im Rathaus auf den zur Überprüfung vom Verlag zugesandten Vorabzügen entstanden sein. Und neben den Phantasien dürften sich auch einige andere sachliche Fehler eingeschlichen haben.

Weitere "Fundstücke": Der Stadtplan weist in dem Bereich hinter der OLB, dort wo sich heute der dazugehörige Parkplatz befindet, ein geplantes Hallenbad aus. Von der Seetzenstraße verlängert nach Norden führt über die Melkenklampe 1 (siehe dazu Orth, Müller-Schlombs, Trumpf. Jever so alt und so neu. S. 87) ein Weg bis über die Gemeindegrenze hinweg. Hier handelt es sich um einen schmalen Steinpadd, der sich in weiten Teilen bis hin zum Crildumer Tief noch heute unter der Grasnarbe befindet, aber im Bereich der neuen B210 sowie in einigen Abschnitten im Gewerbegebiet Am Hillernsen Hamm beseitigt wurde. Dieser Fuß- und Radweg verband die nördlich der Stadt liegenden einsamen Gehöfte wie Fischershäuser, Groß und Klein Hauskreuz sowie Klein Sorgenfrei, welches im Plan noch mit der Flurbezeichnung Überm Hamm bezeichnet wird. 
Ganz unauffällig am Kartenrand in Höhe von Vereinigung befindet sich an der Bahnlinie die Erläuterung "von Norden und Wittmund". Damals gab es diese Verbindung per Eisenbahn noch. Die heute noch am Bahnhofsgebäude zu findende Kilometerangabe "80 km nach Norden"
sowie die Angaben auf den Kilometersteinen Richtung Westen an den Gleisen zeugen auch heute von der ehemals durchgehenden Verbindung. 

Bleibt noch einzugrenzen, wann dieser Stadtplan erschienen ist. Aus den Daten zu Benennungen der Leipziger Straße einerseits und des Landrat-Johann-Albers-Weges anderseits ergibt sich, dass der Redaktionsschluss für diesen Stadtplan Jever um den Jahreswechsel 1968/69 gewesen sein muss. Da sich keine Angabe zu einer Auflage auf dem Plan befindet, könnte dieser der erste Stadtplan des Städte-Verlages für Jever gewesen sein.

Stadtplan Jever, Städteverlag, E.v. Wagner & J. Mitterhuber GmbH in Felbach. Den aktuellen Plan kann man unter www.1001-stadtplan.de einsehen.
Friedrich Orth: Die Straßen der Stadt Jever. 1985
Friedrich Orth, Barbara Müller-Schlombs, Wolfgang Trumpf: Jever so alt und so neu. Jever 2004

V. Bleck, November 2011