Steine des Anstoßens

Überbleibsel im Straßenbild von Jever und Umgebung

Frl. Marienstraße
Fräulein-Marienstraße, Einmündung Kleine Rosmarinstraße

An manch einer Hausecke der engen Straßeneinmündungen in der Altstadt Jevers finden sich größere naturbelassene Steine. Manche bis zu 60 cm hoch, andere weiß getüncht, einige auch behauen wie ein kleiner Obelisk. Manchmal eingemauert in die Hauswand. Vielfach liegen auch große Steine bei unbefestigten Wegen vor dem Gartenzaun. Die Funktion der Letzteren ist eindeutig: Schutz des Zaunes vor Fahrzeugen.

Für die Steine an den Hausecken gilt dieser Schutz für das Mauerwerk. Fahrzeuge, in früheren Tagen Fuhrwerke, sollen beim Abbiegen zu genügend Abstand von der Hauswand gezwungen werden. Der typische Transportwagen bis in die Nachkriegszeit war der Ackerwagen, oft noch mit eisenbereiften großen Wagenrädern. Hier ragten die Achsnaben seitlich weit hervor. Wenn man bedenkt, dass ein von Pferden gezogenes Fuhrwerk nicht unbedingt genau gelenkt werden kann, so wird deutlich, dass durch diese vorstehenden Achsen ein beträchtlicher Schaden angerichtet werden kann. Ein beladener Wagen hat dazu eine erhebliche Schwungsmasse, so dass mit solch einer Achsnabe Häuserwände eingerissen werden können. Die Anzahl der noch vorhandenen Steine zeigt, dass diese Schutzaufgabe wichtig war. Wieviele Schäden dadurch nicht entstanden sind, ist nirgends vermerkt. Diese Steine können aber selbst zu einer Gefahr werden, wenn ihnen nicht rechtzeitig ausgewichen wird. Gerade bei durchgehenden Pferden kann ein Gefährt zertrümmert werden, ganz zu schweigen von den Personen darauf.

Prellstein-Unfall
Wenn die Zugpferde durchgehen..
Abstandhalten gilt auch bei Einfahrten in Gebäuden. Unglücke haben hier ganze Stall- und Scheunentore herausgerissen. Schon bei den Römer wurde dieses Problem erkannt und alle folgenden Zeiten hatten auf ihre Weise dieses Problem zu lösen. Noch vor wenigen Jahrzehnten war es üblich, auch bei Garagen beidseitig Vorsprünge einzubauen, die die Tore schützen sollten.

Als Bezeichnung für diese Steine wird "Radabweiser" benutzt, ein Begriff, den aus meinem Bekanntenkreis aber niemand zu deuten wusste. Wikipedia führt weiterhin die Begriffe "Abweichstein", "Abweiser", "Radstößer", "Kratzstein" oder "Prellstein". Auch Anfahrschutz, Rammschutz, Leitstein wären weitere Namen. Im Jeverschen Wochenblatt der 1900-Wende ist die Bezeichnung "Prellstein" gebräuchlich.

Heute würden wir solche stabilen Fahrzeughindernisse als Poller oder Pylone bezeichnen. Denn auch in heutiger Zeit sind Maßnahmen gegen übergriffige Kraftfahrzeuge erforderlich. Sie begrenzen aber jetzt Fußgängerbereiche, Grünzonen usw. Meist müssen diese Poller aber nicht mehr so stabil sein, denn ein Anfahren oder Berühren hinterlässt einen ungemein größeren Schaden am Fahrzeug selbst. Wer riskiert da einen Kratzer oder eine Beule an seinem PKW?

Die folgende Bilderschau soll einige dieser verbliebenen Radabweiser zeigen. Es gibt aber noch viel mehr solcher Steine im eng bebauten Stadtgebiet zu finden, sei es als ehemalige Prellsteine oder als heutige Ersatzpoller. Ich habe hier die Hausecken und Einfahrten ausgewählt.
Bei der Kirchplatzsanierung 2006 bis 2008 wurden an den Straßeneinmündungen zur Kleinen Rosmarinstraße und zur Rösterföhr glänzend geschliffenen Pylonen aus Granit anstelle der ehemals dort stehenden rauhen Granite aufgestellt. In manchen der dargestellten Bilder mag es nicht mehr der historische Stein sein. "Unschöne" Steine sind weggenommen und durch neue, kraftverkehrsbedingte Stehrümpchen ersetzt bzw. als "Mobiliar" des öffentlichen Bereiches aufgestellt worden. Ob die hervorstehende Steinkuppe am Haus Kirchplatz 17 ein Radweiser war oder die Spitze eines großen Findlings ist, der bei der Sanierung des Kirchplatzes vor 12 Jahren liegenbleiben musste? Der Kirchplatz war ja durch große Findlinge eingerahmt (siehe Sanierung des Kirchplatzes).

 

Ein Problem seit der Römerzeit:
die vorstehende Achse.
Ackerwagen (Asel, Hornumerstraße 29)
Schloss Jever, Durchfahrt zum Innenhof

 

Steinstraße 2 / Superintendentenstraße

 

Fräulein-Marienstraße / Kleine Rosmarinstraße

 

Kirchplatz 4 /Kleine Rosmarinstraße.
Auf den neuen, polierten Steinen erkennt man die Markierungen der Hunde sehr schön

 

Steinstraße / Kleine Kirchhofstraße - beachte den Anfahrfleck gegenüber.

 

Kirchplatz /Rösterföhr
Vor der Platzsanierung lagen hier weiß angestrichenen Findlinge

 

Kirchplatz 16
neben der Supenintendentur

 

Mühlenstraße 14, Alte Post
Auch aus Metallbügeln kann ein Radabweiser sein.

 

Mühlenstraße 14, Alter Posthof

 

Neustadtgödens, Kirchstraße 29

 

Waagestraße 1, mit "Gebrauchsspuren" auf beiden Seiten

 

Kleine Rosmarinstraße 3
neue Ausführungen

 

Mönchwarf

 

Burmönken 10, Baujahr 1896
Kirchplatz 17 /Superintendentenstraße
St.-Annenstraße /Steinstraße


Fragen gibt der Stein an der Ecke Stein- und St.-Annenstraße auf: Was bedeutet der eingravierte Halbkreis? Was verbirgt sich weiter unten im eingepflasterten Bereich?

Die folgenden Bildausschnitte stammen aus den 1970iger Jahren, bevor die erste Stadtsanierung im Bereich Drostenstraße und Hopfenzaun durchgeführt wurde. Die Aufnahmen wurden seinerzeit zwar mit anderer Absicht erstellt, dokumentieren dennoch auch andere geschichtliche Aspekte. Darum ist der Erhalt auch von 'unwichtigen' Bildern immer sinnvoll.

Drostenstraße bei Hausnummer 14

 

Hopfenzaun - vor der Sanierung

 

Am Kirchplatz, Einmündung Kleine Rosmarinstraße - noch die alten Prellsteine
Schlachtstraße, Blick in die Lohne

 

Ochsenhammsweg 2, Ecke Tatergang - heute ein kleiner Platz

 

Ochsenhammsweg 4, Ecke Gartensweg

 

Rösterföhr - vor der Kirchplatzsanierung

 

Schlachte 1, Blick in den Grünen Garten

 

Seetzenstraße, neben der Einmündung Nordergast,
zusätzlich mit einer modernen Plastikform
Schlachte - vor dem Ausbau zum Spielplatz

Farbilder © V. Bleck, Schwarz-weiß-Bilder © Stadtarchiv
Die Bilder lassen sich mit der rechten Maustaste und 'Grafik anzeigen' vergrößern.

V. Bleck, Februar 2021